06.03.2019

Das Leid nicht vergessen

Agnes Wich und Rudolf Kastelik waren so wie viele weitere Kinder von katholischen Geistlichen missbraucht worden. Bei einer Podiumsdiskussion mahnten sie, das Geschehene aufzuarbeiten, um weitere Opfer zu verhindern.

Missbrauchsopfer Rudolf Kastelik überreicht persönliche Aufzeichnungen an Prof. Dr. Hans Zollner SJ

Rudolf Kastelik (M.) aus Lübeck überreicht im Beisein der ehemaligen Bundesministerin Andrea Fischer persönliche Aufzeichnungen an Professor Dr. Hans Zollner SJ von der Päpstlichen Kommission für den Schutz von Minderjährigen.  Foto: Norbert Wiaterek

Sexueller Missbrauch, schwere körperliche Züchtigung, harte Arbeit: Tausende Kinder und Jugendliche haben in Heimen von Kirchen, Staat und freien Trägern gelitten. Auch Rudolf Kastelik aus Lübeck gehört zu den Opfern. „Das uns zugefügte Unrecht, dieses unsägliche Leid darf nicht vergessen werden“, mahnte der 71-Jährige jetzt während des Podiumsgespräches „System des Missbrauchs, Missbrauch des Systems“. In der Katholischen Akademie Hamburg hatten zuvor Professor Dr. Hans Zollner, Präsident des Centre for Child Protection (Zentrum für Kinderschutz) der Päpstlichen Universität Gregoriana, die Missbrauchsbeauftragte des Bistums Hildesheim Andrea Fischer und die Münchner Traumatherapeutin und Betroffene Agnes Wich diskutiert.

Kastelik berichtete vor etwa 130 Zuhörern über seine Odyssee als Kind und Jugendlicher. Viele der kirchlichen Kinderheime, in denen er und sein Zwillingsbruder Eduard gut zwei Jahrzehnte lang leben mussten, seien aufgrund fragwürdiger Erziehungsmethoden „Kinder-KZs“ gewesen. Die Liste der seelischen und körperlichen Qualen ist lang. „Mein Herz weint. Nonnen, die uns eigentlich schützen und unterstützen sollten, haben uns mit Essensentzug gestraft. Wir mussten Bettwäsche trockenpus­ten, haben Schläge mit nassen Tüchern bekommen. Essen wurde uns mit Gewalt reingestopft“, berichtete Kastelik sichtlich bewegt. Neben dem Missbrauch durch pädophile katholische Geistliche habe er auch Foltermethoden erlebt. „Gewalt und Demütigung waren an der Tagesordnung. Die Taten lassen sich mit keinem Geld der Welt wiedergutmachen.“ Wichtig sei es, das ewige Drumherum-Gerede zu beenden, „den Zeitzeugen endlich zuzuhören und mit ihnen zu sprechen, damit das Vergangene nicht in Vergessenheit gerät“. In den Diözesen Hamburg und Hildesheim gebe es einige positive Beispiele.

Kastelik stellt sich seiner Vergangenheit und sucht Versöhnung. Er hat begonnen, seine Erinnerungen an den Missbrauch in den Heimen für ein Buch aufzuschreiben. Der erste Teil füllt einen dicken Ordner, den der Lübecker in der Katholischen Akademie an Jesuitenpater Zollner übergab – mit der Bitte um Weitergabe an Papst Franziskus.

„Man muss Opfer und Betroffene als ungewollte Experten bei der Aufklärung stärker ins Boot holen“, findet auch Agnes Wich. Sie sieht die Bistumsleiter in der Verantwortung. „Es gibt einige ­Bischöfe, die das Thema Missbrauch durch Geistliche ernst nehmen. Aber viele sind noch sehr zurückhaltend. Das akzeptiere ich so nicht. Es geht schließlich um die Opfer und darum, weitere Opfer zu verhindern“, so Agnes Wich, die als Mädchen von einem katholischen Priester missbraucht worden war. Nach dem Anti-Missbrauchsgipfel im Februar im Vatikan müsse es jetzt darum gehen, einen „Weg des Miteinanders“ zu finden. „Dazu gehören unabhängige Beratungsstellen und sehr klare und deutliche Zusagen, wie es im Umgang mit Missbrauch, mit Tätern und Opfern weitergehen soll. Darauf warten Be­troffene weltweit. Und dies muss so schnell wie möglich geschehen.“ Es gehe definitiv nicht mehr so weiter wie bisher.

„Jeder Mensch hat zuerst instinktiv das Bedürfnis, dieses Grauen von sich zu weisen. Es hilft aber nichts. Wir müssen Haltung entwickeln, erst recht in der Institution Kirche“, mahnte die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer. „Ich kann nachvollziehen, dass man ein wenig ungeduldig wird.“

Der Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan hat nach Ansicht von Pater Zollner einen Prozess in der katholischen Kirche in Gang gesetzt. Das Treffen habe bei allen anwesenden Bischöfen ein Bewusstsein für das Problem des Missbrauchs geweckt, meinte der Theologe und Psychologe. Als Mitglied der Päpstlichen Kinderschutzkommission war Zollner maßgeblich an der Vorbereitung der Tagung beteiligt, die vom 21. bis 24. Februar mit Bischöfen aus aller Welt stattfand. Insbesondere Vertreter aus Afrika, Asien, Osteuropa und Teilen Lateinamerikas seien mit vielen Fragezeichen und großer innerer Distanz zum Thema angereist. Zollner: „Ich glaube, dass im Laufe der drei Tage diese Mauern weggebrochen sind.“ Mit dem Gipfel seien erstmals strukturelle Fragen in den Mittelpunkt gerückt. Großes Thema sei die Frage der Rechenschaftspflicht. „Es ist nicht machbar, dass allein der Papst weltweit 5 100 Bischöfen auf die Finger schaut.“ Ein Modell zur Einführung von Kontrollinstanzen sei auf dem Gipfel vorgestellt worden und müsse nun auch in den nationalen Bischofskonferenzen beraten werden.

Zur Verhinderung von sexuellem Missbrauch will Erzbischof Stefan Heße Machtstrukturen in der katholischen Kirche aufbrechen. „Es braucht Macht zur Ausübung von Leitung. Aber sie muss kontrolliert und geteilt werden“, hatte Heße vor einigen Tagen gesagt. Er lobte den Vorstoß des Münchener Erzbischofs Reinhard Marx, der künftig einen Laien als Verwaltungsleiter seiner Diözese einsetzen will. Auch Heße setze auf „weitergehende Beteiligung“.

Text u. Foto: Norbert Wiaterek

Zur Sache:

Missbrauch im Norden

Im Rahmen der Ende September 2018 von den deutschen Bischöfen vorgestellten Studie zum sexuellen Missbrauch waren in den kirchlichen Akten der Jahre 1946 bis 2014 Hinweise auf bundesweit 3 677 Betroffene sexueller Übergriffe und auf rund 1 670 beschuldigte Priester, Diakone und Ordensleute gefunden worden. Auf dem Gebiet des Erzbistums Hamburg, das die Bundesländer Hamburg, Schleswig-Holstein und den Landesteil Mecklenburg umfasst, sind bislang 103 Betroffene und 33 beschuldigte Priester verzeichnet.    (kna)