04.11.2020

Dem Unrecht widerstehen

Der evangelische Bischof em. Karl-Ludwig Kohlwage spricht über die zentrale Botschaft, die er mit dem Wirken der Lübecker Märtyrer verbindet, deren Ermordung durch die Nazis sich am 10. November zum 77. Mal jährt.

Bischof em. Karl-Ludwig Kohlwage

Der emeritierte Bischof Karl-Ludwig Kohlwage beim Interview in Lübeck.  Foto: Marco Heinen

Herr Bischof Kohlwage, Sie werden am Sonntag, 8. November um 11 Uhr im Gedenkgottesdienst für die Lübecker Märtyrer in der Lutherkirche predigen. Sie haben dort ihr Vikariat, ihr erstes Jahr im Kirchendienst verbracht. Es ist die Wirkungsstätte Karl Friedrich Stellbrinks. Was verbindet Sie persönlich mit Stellbrink und dieser Kirche? 

Als ich dort meinen Dienst antrat, wusste ich nur wenig über die Lübecker Märtyrer. Es war kein Thema im evangelischen Lübeck. Zwar war die Urne Stellbrinks schon beigesetzt in der Vorhalle, aber im gemeindlichen Leben spielte er keine Rolle. In der katholischen Kirche war das gänzlich anders. Da wurde jedes Jahr das Märtyrergedenken gefeiert – immer unter Berücksichtigung von Stellbrink.

Wann wurden Sie aufmerksam?

Ich habe mich sehr viel später auf Spurensuche begeben. Ich habe die Kirchenvorstandsprotokolle von zehn Jahren durchgelesen, von 1945 bis 1955. Der Name Stellbrink kommt da praktisch nicht vor. Er kommt vor, weil auf Anordnung der Engländer jedes Stückchen Rasen in einen Gemüsegarten verwandelt werden musste, auch im Garten der Lutherkirche. Frau Stellbrink, die mit ihren Kindern noch oben im Pastorat wohnte, bekam auch ein Stück. Aber nach einem Jahr musste sie es wieder hergeben, denn das Gartenstück wurde unter der Mitarbeiterschaft neu verteilt. Einmal beantragte Frau Stellbrink beim Kirchenvorstand, das zugewiesene Stück behalten zu dürfen, weil doch ihr Mann hingerichtet worden sei. Wie die Entscheidung ausfiel, dazu habe ich nichts gefunden.

Sie haben die Rehabilitierung Stellbrinks als Bischof auf den Weg gebracht, doch die erste Ini­tiative lag bei ihrem Vorgänger im Amt, Bischof Heinrich Meyer.

Ja, Bischof Meyer hat sich zuerst für Stellbrinks Rehabilitierung eingesetzt. 1961 war das Buch „Der Lübecker Christenprozess“ von Else Pelke herausgekommen. Das war ein mächtiger Schub, sich mit diesem Thema zu befassen. Ich selbst war dann 30 Jahre nicht in Lübeck, sondern in Flensburg und Stormarn. Doch als 1993 der 50. Jahrestag der Ermordung der Lübecker Märtyrer anstand, war mir klar: Als Nordelbische Kirche müssen wir etwas dazu sagen, zumal die Lübecker Kirche, die bis 1977 bestand, nie eine offizielle Stellungnahme zu Stellbrink abgegeben hatte. 

Sie haben die Stellungnahme von damals mitgebracht.

Wir haben damals geschrieben: „Die Kirchenleitung ehrt in Karl Friedrich Stellbrink einen Pastor, der in der Bindung an das Wort Gottes und geleitet durch sein Gewissen immer deutlicher und immer klarer das Unrecht eines totalen Regimes erkannte und kritisierte.“ Und: „Wir haben mit Dankbarkeit festgestellt, dass die katholische Kirche diese Form der Isolierung und Distanzierung gegenüber ihren Geistlichen nicht mitvollzogen hat. Sie hat das Märtyrer-Gedenken unter Einschluss von Pastor Stellbrink von Anfang an lebendig gehalten und damit einen wichtigen ökumenischen Dienst getan.“ 

Was ist aus Ihrer Sicht die zentrale Botschaft, die sich mit dem Wirken der Lübecker Märtyrer verbindet?

Die zentrale Botschaft ist: Widerstehen, wenn ein offenbares Unrecht geschieht, etwa ein Verbrechen von Staats wegen. Da muss die Stimme der Kirche laut werden. Peter Voswinckel (Autor von „Geführte Wege – Die Lübecker Märtyrer in Wort und Bild“; Anm. d. Red.) hat herausgearbeitet, dass der eigentliche Kern des Widerstands der Märtyrer nicht das Hören von Feindsendern oder der Kontakt zu Fremdarbeitern war, sondern die Verbreitung der Predigten des Bischofs von Galen. Das war die schärfste Infragestellung der Nazis während der Kriegszeit. Dass einer aufstand und die Vernichtung des sogenannten lebensunwerten Lebens anprangerte – öffentlich. Aber von Galen durfte auf persönliche Anweisung Hitlers während des Prozesses nicht erwähnt werden.

Was ist mit dem ökumenischen Zeugnis der vier?

Ich fasse es unter die Frage: Was sind wir ihnen heute schuldig?! Stephan Pfürtner, einer der mitverhafteten Laien, schrieb in einem Aufsatz einmal von „versöhnter Verschiedenheit“. Gemeint ist damit unter anderem, was wir heute als „eucharistische Gastfreundschaft“ benennen. Ich glaube, es ist entscheidend, ob die Lübecker Märtyrer eine Vorbildfunktion haben auch für den Umgang mit den konfessionellen Unterschieden. Sie haben das Gemeinsame entdeckt und praktiziert – werden wir ihnen in dieser Praxis nachfolgen oder nicht?!

Wie werden wir ihnen heute gerecht? Indem wir ihre Geschichte immer wieder erzählen, damit sie nicht verloren geht. Sie ist das Narrativ, wie man neumodisch sagt. Es ist eine Geschichte, ohne die eine Institution, eine Kirche oder eine Gemeinde zumindest in Lübeck nicht mehr denkbar ist.

Aber es gibt immer wieder Konflikte, etwa die Frage von Eucharistie und Abendmahl.

Die vier haben das gemeinsam praktiziert. Und was machen wir? Gibt es Formen des Zusammengehens, etwa der eucharistischen Gastfreundschaft? Wir haben als evangelische Christen keine Schwierigkeiten. Die Schwierigkeiten liegen auf anderer Seite.

Aber diese Schwierigkeiten sind ja theologisch begründet. 

Ja. Aber wir Protestanten sagen auch, Christus ist gegenwärtig in Brot und Wein. Das ist mein Leib, das ist mein Blut. Das ist lutherische Lehre. Ohne Transsubstantiation, aber in und mit dem Brot und Wein ist Christus präsent. Es lädt ja nicht ein Priester ein zum Abendmahl, sondern Chris­tus selbst lädt an seinen Tisch ein. Es ist sein Ruf, nicht unserer: Kommet her zu mir!

Kann Ökumene bei so vielen Unterschieden langfristig funktionieren? 

Wenn die Prognosen recht behalten, dann sind wir auf einem Weg, weniger zu werden und dass die Systemrelevanz des christlichen Glaubens in Frage gestellt wird. Das ist eine Herausforderung, auf die wir gemeinsam reagieren müssen als Kirche. Wir können uns die doppelsträngige Existenz nicht mehr leisten, finde ich.

Sie haben da ganz persönliche Erfahrungen.

Ich erinnere mich an einen Vortrag in der Katholischen Akademie. Damals war Wilm Sanders noch da, ein prima Kerl (lacht). Ich hatte einen Vortrag zu halten und es war ein besonderer Abendgottesdienst angesetzt. Ich hatte keinen Talar, aber er sagte: „Da kriegen Sie etwas von uns. Wir haben den ganzen Schrank voll.“ Plötzlich saß ich da, feierlich eingekleidet im katholischen Habit, wenn auch in schlichter Ausführung. Bei der Eucharistie lud mich Wilm Sanders sehr freundlich ein und reichte mir die Hostie, die ich nahm. Dann kam er mit dem Kelch. Und ich dachte: Jetzt geht er an Dir vorüber. Doch er lud mich ein: Christi Blut, für dich vergossen. Das geschah vor der Gemeinde und war im weiteren Verlauf des Abends ein zentrales Thema. So ist Wilm Sanders. Er hat mich eingeladen. Also, das geht. Ich habe ein Abendmahl in beiderlei Gestalt empfangen im Kleinen Michel.

So etwas sind Anekdoten, die unter dem Vorzeichen der absoluten Ausnahme laufen. Aber es bedarf einer kirchenoffiziellen Entscheidung, damit wir an dieser Stelle weiterkommen. Darauf würde ich Wert legen. Es sollte eine geordnete, auf Einverständnis beruhende Nachfolge der Märtyrer sein. Das würde mir vorschweben. Und wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann einen Stadtkirchentag, wenn die Pandemie vorbei ist. Kirchentage haben sich immer als ökumenisch sehr wirksam erwiesen.

Karl-Ludwig Kohlwage (87) war von 1991 bis 2001 Bischof im früheren Sprengel Holstein-Lübeck. Ab 2008 war er Vorsitzender der ökumenischen Arbeitsgemeinschaft Lübecker Märtyrer. Er lebt in Lübeck.

Interview: Marco Heinen