23.06.2021

Der Firmling von Helgoland

Unter den 1 300 Bewohnern der Nordseeinsel leben kaum Katholiken. Firmlinge gab es lange nicht. Doch nun wird Lucas Zandt an diesem Sonntag gefirmt – passend zum Jubiläum der Kirche St. Michael, die vor 50 Jahren geweiht wurde.

Nordseeinsel Helgoland

Eine katholische Hochburg ist die beliebte Insel in der Nordsee eher nicht. Foto: Marco Heinen

Wer die harte Realität der Diaspora kennenlernen will, braucht nur nach Helgoland zu schauen. Dort leben 155 Katholiken, von denen im Sommer regelmäßig etwa 20 bis 30 den Gottesdienst besuchen. Im Winter sind es nochmal deutlich weniger. Dennoch ist die kleine Gemeinde von St. Michael durchaus lebhaft. Das hängt viel an Einzelpersonen und ihren Angehörigen. Gudrun Zandt ist eine von ihnen. Die Arzthelferin kam vor 26 Jahren vom Starnberger See auf die Insel. Sie gilt damit – nach langer Bewährungszeit – als Insulanerin, nicht jedoch als Helgoländerin, wie sie lachend berichtet. 

Kommunionunterricht mit sechs Kindern

Gudrun Zandt ist in jeder Hinsicht diejenige, die sich um den katholischen Nachwuchs auf der Insel kümmert. Ihre Tochter Magdalena (10) ist eines von sechs Kindern, denen Gudrun Zandt Kommunionunterricht erteilt und die demnächst Kommunion feiern können. 

Firmling Lucas Zandt

Lucas Zandt ist seit 1999 der erste Firmling auf
Helgoland. Foto: Gudrun Zandt

Ihr Sohn Lucas wiederum ist 16 Jahre alt und wird an diesem Sonntag, 27. Juni von Pfarrer Berthold Bonekamp vom Erzbistum Hamburg gefirmt. Lucas ist der erste Firmling auf der Insel seit 1999, wie Gudrun Zandt in den Kirchenbüchern recherchiert hat. Viele Jahre war Lucas auch der einzige heimische Messdiener in St. Michael (inzwischen dient seine Schwester mit ihm am Altar). Lediglich in den Sommerferien kam gelegentlich noch ein Jugendlicher vom Festland dazu. Doch wegen Corona fiel auch der in den vergangenen beiden Jahren aus.

Lucas wird schon in Kürze die Insel verlassen, so wie die meis­ten Gleichaltrigen nach der 10. Klasse an der Gesamtschule der Insel für weiterführende Schulen, eine Ausbildung oder später ein Studium den Rücken kehren. Lucas hat einen Ausbildungsplatz in einem vornehmen Hotel am Starnberger See bekommen, will sich dort in den kommenden drei Jahren zum Koch ausbilden lassen und kann bei Verwandten wohnen. 

Für ihn ist das mit der Firmung „irgendwie anders als sonst“, sprich anders, als er es vom Rest der Familie und Bekannten in Bay­ern kennt, wo in den Firmkursen eher 15 oder 20 junge Leute sitzen. Entsprechend sei es in der Firmvorbereitung vergleichsweise „etwas langweilig“ gewesen, erzählt Lucas Zandt. Das ist gar nicht so negativ, wie es sich vielleicht zunächst anhört: „Es kann auch durchaus Vorteile haben, dass man alleine mit dem Pfarrer in Ruhe über vieles reden kann und sich nicht kurzfassen muss“, so Lucas.

Pfarrer Gerhard Stenzaly aus Twist im Emsland, der regelmäßig als Gastpriester auf die Insel kommt, hat Lucas mit Aufgaben versorgt und ihm so manches Wissenswerte beigebracht. Zu Pfingsten dann absolvierte Lucas dann „eine Art Crashkurs“, wie er es nennt, im Kloster Nütschau. Zusammen mit einer weiteren Firmandin und zehn anderen gleichaltrigen Jugendlichen war er dort für ein paar Tage. Hier hat er mit seinem Namensvetter Bruder Lukas auch noch ein paar intensivere Gespräche zu Glaubensfragen führen können. Dass er nicht von Erzbischof Heße, der ursprünglich sein Kommen zugesagt hatte, gefirmt wird, findet Lucas zwar schade, aber enttäuscht sei er nicht.

Gefeiert wird an diesem Sonntag nicht nur die Firmung des hoffnungsvollen Nachwuchses, sondern auch die Weihe der dem Erzengel Michael gewidmeten Kirche vor genau 50 Jahren – allerdings ebenfalls auf Sparflamme. Anfang der Woche war zum Beispiel noch unklar, ob es coronabedingt überhaupt einen Sektempfang geben darf.

Zur Kirchweih kamen über 1 000 Menschen

Zum Vergleich: Vor 50 Jahren waren, so steht es in Papieren aus der Zeit, insgesamt rund 770 Katholiken aus den Gemeinden von Stade, Otterndorf und vor allem aus Cuxhaven auf die Insel gekommen, um bei der Weihe durch den Osnabrücker Bischof Helmut Hermann Wittler dabei zu sein. Am Ende sollen über 1000 Menschen – vor allem rund um die Kirche – am Gottesdienst teilgenommen haben. Das damals zuständige Bistum Osnabrück und das Bonifatiuswerk hatten die Kosten des Neubaus in Höhe von fast 800 000 D-Mark übernommen. Optisch orientierten sich der Architekt Paul Gerhard Scharft und der Dipl.-Ingenieur Walter Busmann aus Hamburg dabei an den Hummerbuden im Hafen von Helgoland. Die Innenausstattung übernahmen Egino Weinert und Hermann Stehr.

1 000 Gottesdienstbesucher sind heutzutage auf Helgoland vollständig illusorisch, auch ohne Corona. Aber immerhin wird es an diesem Sonntag einen besonderen musikalischen Rahmen geben: Der evangelische Posaunenchor der Insel wird spielen und Kantor Gerald Drebes aus der evangelischen Gemeinde wird in die Tasten des Klaviers greifen, das noch gar nicht so lange in der Kirche steht. Auch das ist Helgoland: Die Ökumene ist so wichtig wie das Amen in der Kirche.

Text: Marco Heinen