23.12.2020

Der Stern ist ganz nah

In jedem Jahr gibt das Bonifatiuswerk eine Bildkarte heraus, gestaltet von den Hamburger Fotografen Valérie Wagner und Ulrich Mertens. Was sagt uns das Bild in diesem Jahr? Eine Anleitung zur Betrachtung von Pfarrer Klaus Alefelder.

Karte mit einem Stern aus Fingern verschiedener Menschen
Foto: Valérie Wagner/Ulrich Merten

Aus massivem Dunkel strahlt ein Stern uns besonders, in staubigen Molekülwolken geboren, bestehend aus Wasserstoff und Helium, vielleicht wie ‚unsere‘ Sonne eine von über 100 Milliarden Sonnen der Milchstraße, selber leuchtend, nicht nur reflektierend wie der Mond … Das Licht dieser Sternen-Sonne kommt von unendlich weit her und ist nur dann zu sehen, wenn es dunkel ist, ganz ohne all den Licht-Smog unserer Städte. Welch Paradox!

Der andere Stern: Die gespreizten Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand von sechs kindlichen, jugendlichen und erwachsenen Menschen bilden ihn: die Finger des Nachbarn berührend, Zeichen für eine bewusstgesuchte Gemeinschaft von Menschen, womöglich eine ‚Selbsthilfegruppe‘, bezogen auf diesen besonderen Stern da oben. Die Innenzacken dieses Menschensterns weisen aufeinander, und miteinander weisen sie auf den entfernten Stern. Die Außenzacken aber weisen über die Hände, die Arme, den ganzen Menschen mit seiner anderen Hand und ihren Fingern wiederum zu noch anderen, an deren Fingerspitzen sie andocken können, um weitere menschliche Stern-Strahlenkränze zu bilden. Allein strahlen geht zwar auch, aber miteinander ausstrahlen geht noch besser.

Gott ist fern – besonders, wenn man ihn braucht

Der Fingerstern gibt dem weit entfernten, aber beharrlich leuchtenden Punkt eine Art Gehege, einen irdischen Rahmen. Ein solcher Fingerstern holt den himmlischen Ur-stern gleichsam mit vereinten Kräften vom Himmel herunter, wird im irdischen Kleinformat dessen strahlendes Abbild.

Nun hat das Motiv aber seinen Entstehungsimpuls durch die unglaubliche Botschaft des Weihnachtsfestes: Gott, der immer so fern zu sein scheint – besonders dann, wenn man ihn ‚braucht‘ – er legt auf diesen Abstand offenbar überhaupt keinen Wert! Im Gegenteil, er sucht geradezu die intime Nähe des Menschen. Er weist nicht allein durch die Wunder der Schöpfung, durch Träume, durch menschliche Erfahrungen auf sich hin, auch nicht nur durch besonders schöne Texte oder ein heiliges Buch:  Nein, er wird – kaum zu fassen! – gegenwärtig in Jesus, als Mensch unter Menschen: „Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott“ .

Er wollte mitten unter uns, als einer von uns, Mensch werden und sein. Mitten in diesem urlangen Werden des unermesslichen Universums, mitten im Lauf unserer Menschengeschichte mit ihren Höhen und Tiefen, ihren Glanzpunkten und ihrem Scheitern. 

 In ihm hat uns „durch die barmherzige Liebe unseres Gottes das aufstrahlende Licht aus der Höhe besucht“, um „allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes“, – so singt es Zacharias in seinem Lobgesang.                                                                                                                                     Trotz allem zwischenmenschlichen Gegeneinander, mitten in allem Abstand-halten-müssen, ja gerade deswegen, ist ER nahegekommen, auf Augenhöhe, zum Anfassen, in freiem Entgegenkommen, aber als Erfüllung menschlicher Ursehnsucht, für uns selber und damit wir wiederum „Licht der Welt“ sein können für die Nächsten und die Fernsten. 

Klaus Alefelder ist Pfarrer im Ruhestand und Geistlicher Beirat dieser Zeitung.