22.05.2019

Die Gebete der anderen

Interreligiös beten – geht das? Juden, Muslime und Christen aus Schwerin haben ein gemeinsames Gebetbuch geschrieben. Es ist auch ein Buch über das Beten.Und eine Hilfe für alle, die nicht wissen, was Beten überhaupt ist.

 Heiko Hassan Hoffmann, RainerBrunst, Ariane Baier und Rudolf Hubert mit den Gebetstexten
Sie können die Gebetstexte der anderen nachvollziehen: Heiko Hassan Hoffmann, Rainer Brunst, Ariane Baier und Rudolf Hubert. | Foto: Marco Heinen

„Lass uns zur Ruhe gehen, Ewiger, unser Gott, zum Frieden. Und lass uns wieder aufstehen, unser König, zum Leben.“ Das sind Worte aus dem jüdischen Abendgebet. Ein Gebet der Juden, das auch jeder Christ mitbeten kann. Trotz der gemeinsamen Wurzeln im Stammvater Abraham. Nicht jedes Gebet verbindet. „Ich sage die Worte Allahu Akba. Und schon bekomme ich Probleme“, berichtet Heiko Hassan Hoffman vom Islamischen Zentrum Schwerin. Allahu Akba heißt: Gott ist groß, oder: Gott ist größer. Hoffmann: „Das ist kein terroristischer Schlachtruf. Terroristen haben kein Recht, diese Worte zu gebrauchen“.  
Die Mitglieder des „Interreligiösen“ Dialogs Schwerin haben jetzt ein Buch geschrieben. 75 Seiten mit Gebeten und Besinnungstexten aus drei Religionen, und Einführungen. Was bedeutet Gebet?

„Allah wird uns nicht fragen, was für ein Auto wir gefahren haben“

„Beten in Gemeinschaft anderer Beter“, heißt der Untertitel des Büchleins. Und tatsächlich sind die Texte schon gemeinsam gesprochen und gelesen worden. „Wir beginnen unsere Treffen immer mit einer geistlichen Einheit, die jeweils von einem anderen Mitglied gestaltet werden“, sagt Rudolf Hubert, Vertreter der katholischen Propstei. „In diesem Buch sind die Texte, die wir dabei benutzt haben, gesammelt.“ Nicht Abgrenzung, sondern Offenheit ist der gemeinsame Nenner in der Sammlung. „Glauben hat friedensstiftende Kraft, es ist etwas, das frei und froh macht.“
Welche Texte der „anderen“ berührt die Autoren des Buches besonders? Rainer Brunst, Vertreter der freichristlichen Gemeinden, schlägt Seite 54 auf: „Allah wird uns nicht fragen, was für ein Auto wir gefahren haben. Aber er wird uns fragen, wie viele Menschen, die keine Fahrgelegenheit hatten, wir gefahren haben. Allah wird uns nicht fragen, wie viel wir verdient haben, aber er wird uns fragen, was wir getan haben, um an diesen Verdienst zu gelangen, und zu welchen Zwecken wir es ausgegeben haben.“ Ariane Baier, evangelische Regionalpastorin für Schwerin, hat ebenfalls ein Gebet der Muslime besonders gern, „weil es ein Gebet um die Liebe zu Gott und zum Nächsten ist“. Es heißt dort: „Ich bitte dich, gewähre mir die Liebe zu dir, die Liebe zu jedem, der dich liebt und die Liebe zu jeder Tat, die mich in deine Nähe bringt.“
Der schiitische Muslim Heiko Hassan Hoffmann entscheidet sich für den heiligen Thomas von Aquin: „Erfülle mich, o Herr, mein Gott, mit Verstand, dich zu erkennen, mit Eifer dich zu suchen, mit Weisheit dich zu finden und einer Treue, dass ich am Ende dich umarmen darf.“

Der Geist des Dialogs zwischen zwei Buchdeckeln

Einen Text des jüdischen Philosophen Hermann Cohen ist dem Katholiken Rudolf Hubert  aufgefallen. Es geht um das Gottesreich des Messias. „Nicht ein persönlicher Herrscher ist der Messias, nicht ein Heroe, aber der Geist Gottes ruht auf ihm, und er bringt den Völkern das Recht.“ Das sind Kostproben aus einer Sammlung, die erst einmal nur in 250 Exemplaren gedruckt wurde, aber bald in allen Gotteshäusern der Stadt ausliegen soll. Und zwar auch für Menschen, die keine Religion haben. Vielleicht werden sie das Buch lesen und einen neuen Blick für die versöhnende Kraft des Glaubens bekommen, hoffen die Herausgeber. „Denn darin liegt der gute Geist unseres interreligiösen Dialogs“, sagt Pastorin Baier.“Es ist schön zu sehen, wie dieser Geist so friedlich zwischen zwei Buchdeckel passt.“

Text: Andreas Hüser