07.07.2021

Die Zerstörten neu erschaffen

Eine Ausstellung in der Lübecker St. Marienkirche zeigt rund 100 Gemälde von Synagogen, die von den Nazis niedergebrannt wurden. Es ist ein Beitrag zum Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“.

Pastor Robert Pfeifer, Solveig Steinkamp, Pastorin Bettina Kiesbye und der Künstler Alexander Dettmar. Das Triptychon zeigt die Synagoge von Neubrandenburg.
Haben bei der Vorbereitung der Ausstellung Hand in Hand gearbeitet (v.li.): Pastor Robert Pfeifer, Solveig Steinkamp, Pastorin Bettina Kiesbye und der Künstler Alexander Dettmar. Das Triptychon zeigt die Synagoge von Neubrandenburg. Foto: Marco Heinen 

Der Maler Alexander Dettmar hat gemalt, was 1938 vernichtet wurde: Seine Bilder von rund 100 deutschen Synagogen vor ihrer Verwüstung und Zerstörung sind ab Mittwoch, 14. Juli (Vernissage um 18 Uhr) bis Mittwoch, 15. September täglich von 10 bis 18 Uhr in der Lübecker St. Marienkirche zu sehen.

Die Synagoge von Hannover nach den Plänen von Edwin Oppler
Die Synagoge von Hannover – gebaut nach den Plänen von Edwin Oppler – wurde am 9. November 1938 durch Feuer zerstört. Foto: Alexander Dettmann

„Painting to remember – Zerstörte deutsche Synagogen“ lautet der Titel der Schau. Sie versteht sich als ein Beitrag zum Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Für Landesrabbiner Isak Aas­vestad vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein ist die Ausstellung ein wichtiger Beitrag dazu, „dass man die ganze Breite von jüdischem Leben in Deutschland zeigt“. Aasvestad ist zum Pressegespräch in Lübeck per Mobiltelefon zugeschaltet. Für ihn ist die Geschichte der Juden in diesem Land zwar „eine Geschichte von Diskriminierung und Verfolgung und Ausgrenzung“, doch aus seiner Sicht greift das allein zu kurz. Juden seien auch „ein Bestandteil dieses Landes“ gewesen. „Sie waren ein selbstverständlicher Teil des Stadtbilds in jeder deutschen Stadt“, so Aasvestad. 

Gerade Anfang des 20. Jahrhunderts seien Juden „auf dem Weg zu einer jüdischen Normalität in Deutschland gewesen“. Erst die Shoa, die Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten, habe für einen klaren Abbruch dieser Entwicklung gestanden. Doch Aasvestad will die Geschichte nicht auf die Shoa reduzieren: „Ich glaube, es ist wichtig, dass man zeigt, was davor war und auch, was danach kam.“ 

Initiiert wurde die Schau durch Solveig Steinkamp, Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde Lübeck. Sie hatte das Wirken von Künstler Alexander Dettmar „seit Jahren mit Sympathie beobachtet“, wie sie berichtet, und habe dann den Kontakt zum Künstler sowie zu Pastor Robert Pfeiffer von St. Marien und zu Pastorin Bettina Kiesbye von der der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit gesucht. Die Kooperation habe sich von Beginn an ganz wunderbar entwickelt, so Steinkamp: „Das war wirklich ein Musterbeispiel, wie es schöner nicht sein kann.“

Architekturmaler Alexander Dettmar hatte 1994 damit begonnen, sich erstmals mit einer zerstörten Synagoge zu beschäftigen. Das war in Güstrow, wo er erst durch den Dompastor erfuhr, dass in der Straße Krönchenhagen einst eine Synagoge gestaden hatte, die 1938 zerstört wurde. Vor Ort habe er nur „einen schmutzigen Parkplatz“ vorgefunden, so Dettmar. Kein Schild, kein Hinweis fand sich auf die Synagoge. „Da habe ich schlicht und einfach Wut gehabt“, erinnert sich der Künstler, der sich später, nachdem er rund ein halbes Dutzend Synagogen-Bilder gemalt hatte, vorstellte, wie es wohl wäre, Bilder vieler zerstörter Synagogen in einem Raum zu versammeln. „Das war meine Idee: Man erinnert sich im Guten. Das Schreckliche ist ja nicht rückgängig zu machen, es ist da“, so Dettmar, dessen Synagogen-Bilder bereits in New York ausgestellt wurden. 

1994, das war auch das Jahr, als Ende März der erste Brandanschlag auf eine Synagoge in Deutschland nach 1938 verübt wurde – ausgerechnet in Lübeck. Maler Dettmar brach damals eine Reise in den Süden ab, weil er sich über den Anschlag so empörte, und fuhr nach Buchenwald, um dort zu malen.

Aussehen teils aus Bauplänen rekonstruiert

Dettmar will bei seinen Bildern „nicht mit dem Zeigefinger“ zum Betrachter kommen, „nicht als Erzieher“, wie er es ausdrückt. Aber er will aufmerksam machen auf die teils „stadtprägenden, architektonischen Bauwerke“, deren Aussehen er anhand zum Beispiel alter Bauzeichnungen rekonstruierte. Die nicht vorhandenen Synagogen zu malen, sei schwieriger gewesen und habe durchaus Kraft gekostet, so der Künstler, der dabei auf seine Erfahrung als Architekturmaler zurückgreifen konnte: „Ich male diese Synagogen mit der Kenntnis der vielen Bilder, die ich vorher von Architektur gemalt habe“, sagt Dettmar.

Pastor Robert Pfeiffer findet, dass die Ausstellung deshalb so gut nach St. Marien passt, weil die Jahrhunderte alte Kirche „in sehr verdichteter Form“ Spuren von Zerstörung ebenso zeige wie die lange Geschichte des Chris­tentums. Pastorin Bettina Kiesbye von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, findet, dass die Kunst Dettmars „wunderbar in diesen riesengroßen Backsteinbau mit seinem Backsteinboden“ passe. Denn, so sagt es der der Hansestadt Bremen von klein auf verbundene Künstler selbst, er habe „Backstein im Blut“. 

Text: Marco Heinen