18.08.2021

Das Weltkulturerbe Piemont

Ein heiliger Flecken Erde

Vergessen wir die Kirsche. Das Piemont hat mehr zu bieten. Zum Beispiel eine Radtour von Trivero nach Andrate. Auf den Spuren eines Herrenschneiders und eines Weltkulturerbes vor malerischer Alpenkulisse in Norditalien.

Vor eindrucksvoller Alpenkulisse: das Marienheiligtum Oropa mit der neuen Basilika, anglehnt an den Petersdom in Rom, und der alten (rechts), in der die gotische Statue der Schwarzen Madonna ihren Platz hat.
Vor eindrucksvoller Alpenkulisse: das Marienheiligtum Oropa mit der neuen Basilika, anglehnt an den Petersdom in Rom, und der alten (rechts), in der die gotische Statue der Schwarzen Madonna ihren Platz hat.

Von Joachim Heinz und Burkhard Jürgens 

Der Rennradler, der auf halbem Wege seine Trinkflasche mit kühlem Bergquellwasser auffüllt, macht ein skeptisches Gesicht. „Nach Oropa? Das geht aber nochmal ziemlich steil bergauf.“

Mit gelegentlichen Anstiegen muss rechnen, wer im norditalienischen Alpenvorland unterwegs ist. Erstaunlicher ist, was diese eher abgeschiedene Ecke des Piemont an Gegensätzen vereint. Große Fabrikgebäude in kleinen Dörfern, eine Bierbrauerei in einer traditionellen Weingegend. Und den Petersdom in Kopie, der angesichts des grandiosen Bergpanoramas im Hintergrund deutlich weniger bombastisch wirkt als das Original in Rom.

Verbunden sind all diese Orte durch die Strada panoramica Zegna, benannt nach dem Modeschöpfer Ermengildo Zegna (1892–1966). Der Kreative sorgte Ende der 1930er Jahre nicht nur für den Bau der Trasse, sondern legte zugleich den Grundstein für einen Naturpark, der mit üppigen Rhododendron- und Hortensiensträuchern Wanderer, Rad- und Autofahrer gleichermaßen auf der Etappe zur ersten Anhöhe Bielmonte begleitet.

Im Tal schimmert die Kuppel der Basilika

Der Weg führt durch einen heiligen Flecken Erde. Bildstöcke und Kapellen am Straßenrand legen davon ebenso Zeugnis ab wie das monumentale Wallfahrtsheiligtum San Giovanni d’Andorno. Um die Anfang des 17. Jahrhunderts errichtete Kirche samt Pilgerhospiz gruppieren sich mehrere Gebäude, die heute unter anderem als Restaurant und Herberge dienen. Einst war das Hospiz eine wichtige Etappe auf dem Weg nach Oropa.

Das änderte sich kurz vor Beginn des 20. Jahrhunderts durch einen spektakulären Tunnelbau: Pate war Federico Rosazza Pistolet (1813–1899), Politiker und Anhänger des Spiritismus. Über ein Medium ließ ihm seine in jungen Jahren verstorbene Tochter mitteilen, er solle sich um die Bewohner seiner Heimat kümmern. Und die hatten offenbar den sehnlichen Wunsch, künftig auf direktem Wege zum verehrten Marienheiligtum Oropa gelangen zu können.

So baute Rosazza eine Straße und trieb in 1480 Metern Höhe einen Tunnel in den Fels. Radfahrern nötigt die unbeleuchtete Röhre ein Stoßgebet ab – aber dann schimmert die Kuppel der Basilika von Oropa schon unten im Tal. Die im vergangenen Jahrhundert vollendete Kopie des Petersdoms ist zweifellos der augenfälligste Teil der weitläufigen Anlage – aber sicher nicht der historisch bedeutsamste.

Marienverehrung und Tourismus mischen sich

Die Überlieferung verknüpft den Ursprung der Pilgerstätte mit der Missionspredigt des Eusebius von Vercelli, der hier schon im 4. Jahrhundert die Verehrung der Muttergottes an die Stelle weiblicher keltischer Gottheiten gesetzt haben soll. Papst Innozenz III. erwähnt Oropa 1207 in einer Bulle. Seinen Aufschwung aber nahm der Ort im Barock. Das Haus Savoyen schickte berühmte Architekten in die Alpen, darunter Filippo Juvarra (1678–1736), dessen Bauten bis heute das Gesicht der Metropole Turin prägen.

Dank für Verschonung vor der Pest war ein Motor der Wallfahrt. Andere Wundererweise der Schwarzen Madonna kamen hinzu. 1620 wurde das Gnadenbild feierlich gekrönt – ein Ereignis, das sich alle 100 Jahre wiederholt. An diesem 29. August ist es erneut soweit, und wieder unter den beklemmenden Zeichen einer Epidemie, wegen der die Krönung um ein Jahr verschoben wurde. In Oropa selbst dürfen nun 1500 Pilger der Zeremonie beiwohnen; zeitgleich finden Gottesdienste in über 30 Pfarreien des Bistums Biella statt.

Lange vermischten sich im Ort fromm und fröhlich Marienkult und Tourismus. Ab 1911 fuhr eine Schmalspurbahn von Biella nach Oropa, die allerdings Mitte der 50er Jahre ihren Betrieb wieder einstellte. Dann brachten Reisebusse vornehmlich italienische Schulkinder und Pfarreigruppen in das beschauliche Tal. Vor Ausbruch des Coronavirus schätzte die Heiligtumsverwaltung die Zahl der Gäste auf etwa eine halbe Million pro Jahr.

Hinter Oropa, auf der schmalen Piste Richtung Andrate, kommt die Stille zurück. Ab und an kreuzt ein Mountainbiker den Weg. Oder motorisierte Sommerfrischler aus der Po-Ebene, die Erholung in den Bergen suchen. In Andrate heißt es Abschied nehmen von der Panoramastraße. Mit einem Blick ins Aostatal, wo es regelmäßig einen prominenten Besucher aus Deutschland hinzog: Papst Benedikt XVI.