16.06.2022

Ein Job in der Kirche, aber ganz oben!

Vor 40 Jahren hatte Eberhard Lauer seinen ersten Tag als Kirchenmusiker an der Hamburger Marienkirche. Danach ging es aufwärts. Die Kirche wurde Metropolitankathedrale, Lauer wurde erst Kirchenmusikdirektor, später Professor und verlässt den Dom als international anerkannter Organist und Dirigent.

Eberhard Lauer bei der Arbeit. Auch ein Meister muss üben: „Zwei Stunden wären gut“. | Fotos: Andreas Hüser

Um seinen Arbeitsplatz ist Eberhard Lauer zu beneiden. Er ist kühl, hoch, still, mit Blick auf die Weite des leeren Mariendoms. Ganz hinten funkelt das Goldmosaik in der Apsis. Und auch die ausgebreiteten Arme des Christus auf dem schwarzen Kreuz sagen: Hier ist ein besonderer Ort. Bei der Arbeit dreht Eberhard Lauer der Kirche den Rücken zu. Vor ihm die vier Manuale und die unzähligen Registraturköpfe der Beckerath-Orgel und über ihm die mächtigen Prinzipalpfeifen, deren Ende man unten gar nicht mehr sieht.

Was für seine Arbeit ganz wichtig ist: Der Spiegel über seinem Kopf. Denn der Organist muss schon beim Vorspiel sehen, was unten passiert. Das Vorspiel, das erste akustische Signal der Liturgiefeier, ist schon eine Ansage: Was hier passiert, ist nicht nur „heilige Handlung“, sondern auch ästhetisch von erster Qualität. Das Vorspiel dauert genau so lange, bis Priester, Messdiener und Diakon im Chor ihren Platz eingenommen haben – dafür der Spiegel. „In einem evangelischen Gottesdienst kann der Organist irgendein Präludium als Vorspiel spielen. In der katholischen Kirche hat das Vorspiel immer Bezug auf das Eingangslied“, erklärt der Musikprofessor. Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb die Orgelimprovisation eine katholische Spezialität ist. „Der Protestant spielt nach Noten, der Katholik improvisiert.“

Mit dem Eingangslied kommt die nächste Aufgabe. Die Orgel darf den Gesang nicht erschlagen. Einen Laut-Leise-Schalter hat dieses Instrument nicht, die Wahl der Register, also der verschiedenen Gruppen von Orgelpfeifen, bestimmt die Lautstärke. „Schwierig wird es, wenn so wenig Menschen da sind, dass ich sie gar nicht höre.“

Wie viele Gottesdienste Eberhard Lauer seit 1982 begleitet hat, lässt sich schwer sagen. Wie viele Auswärtskonzerte schon eher: „Weit über 1000“ – in ganz Deutschland, London, Moskau…

Dazu kommen etliche Schallplatten und CDs, die Konzerte mit dem Domchor, die großen Oratorien mit Solisten, Chor und Orchester, wobei der Organist zum Dirigenten wird.

Und außerdem hat Eberhard Lauer noch einen Zweitjob: als Professor an der Musikhochschule Lübeck. „Das alles ist ein sehr kreatives Arbeitsfeld“, sagt er. Allerdings nicht ohne Tücken und Konflikte. Der Künstler und der Domklerus – da gab es öfter verschiedene Ansichten. „Ich sehe die Beschäftigung in der Kirche heute kritisch. Man dachte anfangs, in der Kirche verändert sich etwas. Aber sie ist auch heute sehr kleriker-orientiert. Entweder du hast Glück und du findest an der Spitze einen, der Sinn für Musik hat. Oder du hast kein Glück. Dann musst du kämpfen.“

Lauer erinnert sich an solche Kämpfe. Gregorianischer Gesang, Mozart-Messe – solche Klassiker liebe das Publikum, vielen Auftraggebern seien sie „nicht zeitgemäß.“ Und wenn es um zeitgenössische Kompositionen geht, dann steht der Musiker ziemlich allein da. „Die Moderne ist unterbelichtet.“

Wie wird man Kirchenmusiker? „Ich wollte schon als Schüler mit 15 Jahren nichts anderes werden“, erinnert sich der Musiker. Das Studium in Aachen, Frankfurt, Düsseldorf und Amsterdam hat er dann schnell durchgezogen, später kam noch ein philosophisch-musikwissenschaftliches Studium dazu. Ob man heute zu so einer Laufbahn raten würde? Auch da ist Lauer skeptisch. „Die soziale Wertschätzung von Musikern hat sich mehr und mehr zurückentwickelt.“ Aber es gibt immer noch Leute, die singen wollen. Zum Beispiel in einem Chor. Gregorianik, Taizé-Gesänge, Neues geistliches Lied, Bach, Mozart oder Mendelssohn – die Auswahl an Kirchenmusik ist groß. Eberhard Lauer ist entschiedener Verfechter der sogenannten „klassischen“ Kirchenmusik, angefangen bei der Gregorianik. Pop in der Kirche? „Ich halte nichts von Konfrontation. Ich selbst habe diese Abfahrt nicht genommen. Das heißt nicht, dass ich das nicht mit Wohlgefallen hören kann. Der Mensch ist eben begrenzt.“

An die eigenen Grenzen kommen. Auch das gehört zu den Erfahrungen des Künstlers. Frage: Haben Sie nach all den Jahren Angst, in einem Konzert falsch zu spielen? „Immer weniger. Es ist aber auch nicht so wichtig, dass man jede Note richtig spielt. Wenn ich das Gefühl habe, ich bin voll auf das Stück konzentriert. Dann ist es gut. Es kann passieren, dass ich mich nicht voll auf das Spiel konzentriere. Dann ist es schlecht.“ Anders ist es in Orgelwettbewerben, wo jeder Fehler des Interpreten notiert und auf ein Minuskonto gebucht wird. Orgelwettbewerbe, das sind für Lauer eher sportliche Aktionen – gut für das Selbstbewusstsein junger Musiker. Eberhard Lauer hat zwei Internationale Wettbewerbe – den Preis der internationalen Orgelwoche Nürnberg und den Großen Preis des Orgelwettbewerbs im Dom zu Speyer, gewonnen. „Ich brauchte zwei Jahre Anlaufzeit, um das nötige Nervenkostüm zu bekommen. Nach einigen Versuchen schaffte ich es in die Endrunde, und schließlich zum Erfolg.“

Muss ein Musiker, der nach 30 Jahren fast alles schon gespielt hat, überhaupt noch üben? Oder kann er alles? „Kein Tag ohne Training“, sagt Eberhard Lauer. „Zwei bis drei Stunden wären gut, aber das kriege ich nicht immer hin.“

Und jetzt? Mit dem Ruhestand verliert Eberhard Lauer sein Musikinstrument – eine 65-Registerorgel lässt sich nicht mitnehmen. Aber ein anderes Instrument spielt er genauso gern wie die Orgel: das Klavier – das übrigens nach seiner Meinung nicht in die Kirche gehört.

Wie ist es mit dem Domchor? Den kann man auch nicht mitnehmen. „Aber ein Chor ist kein Instrument“, wendet Lauer ein. „Das sind Menschen. Es ist die Aufgabe des Chorleiters, sich auf alle einzustellen.“ Die Arbeit mit dem Chor sieht Lauer als „Bildung“ – aber auf hohem Niveau. Der Domchor, den er seit Jahrzehnten leitet, spielt musikalisch in der „Ersten Liga“. Das ganze Repertoire der großen und gefragten Werke Von Bachs Weihnachtsoratorium bis zu Beethovens Missa Solemnis hat dieser Chor schon gesungen.

Ihn zu verlassen, ist zwar schwer, aber es gibt einen Trost. Mit Christian Weiherer kommt ein kompetenter Nachfolger. Und Lauer hat auch für den Ruhestand vorgesorgt. „Ich habe von einer evangelischen Kirche den Kirchenschlüssel und den Orgelschlüssel.“ Wo das ist, sagt er nicht.

Autor: Andreas Hüser