16.06.2022

Ein Leuchturm ist verloschen

Nach 23 Jahren haben die Karmelitinnen ihr Kloster auf Finkenwerder aufgegeben. Der Vespergottesdienst zum Abschied machte deutlich, wie sehr die Nonnen Teil des gesellschaftlichen Lebens dort gewesen sind.

Schwester Miriam Sauter (li.) und Schwester Maria Burger im Gespräch mit Erzbischof Stefan Heße. Wie es nach der Aufgabe des Klosters auf Finkenwerder für Schwester Maria weitergeht, steht noch nicht fest. Schwester Miriam will sich einem Karmelitinnenkloster bei Freiburg anschließen. | Foto: Matthias Greve

„Die Klosterzelle könnte ein Leuchtturm auf Finkenwerder werden, ein Ort der Erneuerung“, so die Hoffnung der Gründungspriorin Teresa John bei der Eröffnung der Karmelzelle. Fast 23 Jahre strahlte dieser Leuchtturm aus, nun ist er verloschen. Bei einem Vespergottesdienst mit Erzbischof Stefan Heße nahmen die Karmelitinnen aus Finkenwerder jetzt Abschied von Hamburg. Die Schwestern hatten im April angekündigt, das Kloster auf der Elbinsel aufzugeben. Trotz intensiver Bemühungen sei es nicht möglich gewesen, die Gemeinschaft personell auf eine solide Grundlage zu stellen, hieß es dazu in einem Brief der beiden bis zuletzt verbliebenen Schwestern Maria Burger und Miriam Sauter.

Das Kloster wurde offiziell am 29. November 1999 vom „Karmel des Ordens der Unbeschuhten Schwestern der Seligen Jungfrau Maria vom Berge Karmel“ (OCD) vom hessischen Hainburg aus gegründet. Zunächst lebten dort drei Schwestern. „Wir erleben Kirchengeschichte“, kommentierte der damalige Finkenwerder Pfarrer Hellmut Tourneau das Ereignis: Das erste Kloster eines kontemplativen Ordens im Erzbistum Hamburg war gegründet. Mit der Schließung des Hainburger Klosters im Jahr 2014 wurde die Zelle auf Finkenwerder ein selbstständiger Karmel. Zeitweise lebten dort neun Schwestern.

„Die Gründung in Hamburg war ein Experiment“, erzählt Schwester Miriam. Die studierte Heilpädagogin war von Anfang an dabei. Während die Nonnen in anderen Klöstern sehr zurückgezogen lebten, habe man in Finkenwerder versucht, sich zu öffnen. Anders als in traditionellen Klosterkirchen gab es keinen getrennten Bereich für die Nonnen.

Ganz weltlich haben die Schwestern sich von Beginn an in die Kultur vor Ort mit eingebracht. Ob bei Konzerten, im Vereinsleben, beim schon fast legendären Bieranstich oder dem ökumenischen Gottesdienst im Autoscooter auf der „Finkwarder Karkmess“ direkt vor den Türen des Klosters – die Schwestern gehörten immer dazu.

Vielen Gästen tat das Schweigen gut

Über die Grenzen des Stadtteils hinaus waren neben allem weltlichen Wirken besonders die Stillen Tage und die Gastfreundschaft Anziehungspunkte für den Glauben und die innere Einkehr vieler dankbarer Besucher. In das 2013 in Betrieb genommene Gästehaus kamen bis zu 150 Menschen im Monat – vom Studenten bis zum Manager. Die Nachfrage sei im Laufe der Zeit gestiegen. „Die Menschen suchen etwas, das sie hält und dem sie vertrauen können“, erklärt sich Schwester Miriam den Zulauf. „Das liegt auch an der Schnelllebigkeit unserer Zeit.“ Die Stille sei für manchen allerdings eine Herausforderung, erzählt Schwester Maria, eine ausgebildete Ärztin. „Aber viele unserer Gäste waren am Ende überrascht, wie gut ihnen das Schweigen tut.“

„Wenn wir sagen, dass es uns schwerfällt, Finkenwerder zu verlassen, dann ist das eine glatte Untertreibung“, so Schwester Maria weiter. Sie fühlten sich hier zuhause und dazugehörig in der gewachsenen Gesellschaft auf der Elbinsel, deren Bewohner schon immer Solidarität und Hilfsbereitschaft pflegten.

Das wurde auch beim Abschiedsgottesdienst deutlich. Neben der Kantorei der benachbarten evangelischen St. Nikolaikirche gestalteten zusammen mit dem Frauenchor „Frohsinn“ und der Liedertafel „Harmonie“ gleich drei Chöre des Stadtteils die Vesper mit. Und auch der Kulturkreis Finkenwerder unterstrich das gute Miteinander und organisierte wie selbstverständlich den anschließenden Abschiedsempfang im Klostergarten. „Als ‚unsere Schwestern‘ waren Sie von den Finkenwerdern schnell aufgenommen und ins Herz geschlossen“, hob der Bezirksamtsleiter Hamburg-Mitte, Ralf Neubauer, hervor. In seiner Ansprache übermittelte er auch den Dank der Freien und Hansestadt Hamburg für das Wirken der Ordensschwestern.

In seiner Predigt betonte Erzbischof Stefan Heße: „Sie haben nicht nur Türen geöffnet und Räume zur Verfügung gestellt – Sie haben ihr Leben geöffnet.“ Er sei traurig, dass die Schwestern nun gingen. „Ich bin aber erleichtert, dass Sie so klar und mutig entschieden haben.“ Er sei heute vor allem zutiefst dankbar. Wo immer die Wege in Zukunft auch hinführen würden – „im Erzbistum Hamburg wird für Sie immer eine Tür offen stehen.“

Wie es mit der St. Petrus Kirche, dem Pfarrhaus und dem 2013 neugebauten Gästehaus weitergeht, steht noch nicht fest. Das Erzbistum sei mit einer geistlichen Gemeinschaft wegen der Übernahme im Gespräch, so der offizielle Stand. (mit Material von kna)

Autor: Matthias Greve