17.06.2020

Eine Wende zum Besseren?

Dank einer großen Spende konnten nach Ausbruch der Corona-Pandemie Obdachlose in Hotels untergebracht werden. Das gab ihnen Auftrieb, wie Julien Thiele von der Caritas berichtet. Darauf könnte aufgebaut werden.

Obdachloser mit Caritasmitarbeiter auf der Langen Reihe im Hamburger Stadtteil St. Georg

Als der Obdachlose Tobias (r.) im Hotel untergebracht war, half ihm Julien Thiele von der Caritas vor allem bei Amtsgängen.  Foto: Klaus Böllert

Als wäre gleichzeitig Ostern und Weihnachten. So überrascht und froh und euphorisch reagierten Obdachlose und ihre Helferinnen in Hamburg auf die Spende der Reemtsma Stiftung. Durch 300 000 Euro konnten fast 200 obdachlose Menschen ins Hotel, um vor Corona sicher zu sein. Einer von ihnen: Tobias. 33 Jahre alt, seit sechs Jahren obdachlos und drogenkrank. Und seit zwei Monaten im Hotel Oase auf dem Steindamm untergebracht. „Ich habe in der Zeit viel geschafft“, freut er sich über die Wohltat. Vor allen Dingen sei die Substitution der Drogen gut gelaufen. „Ich habe keinen Beikonsum mehr seit ich im Hotel bin“, freut er sich. Er bettele seitdem auch nicht mehr. „Dadurch brauche ich das Geld auch nicht mehr für die illegalen Drogen.“ 

Sonst kümmere er sich vor allem um Amtsangelegenheiten, und zwar mit Julien Thiele, dem Straßensozialarbeiter der Caritas in Hamburg. Thiele betreut rund 40 in Hotels untergebrachte Obdachlose. Seit sie dort untergebracht seien, seien sie viel entspannter und gelassener, berichtet er. „Sie können viel besser Termine einhalten wie Tobias, sind viel öfter für uns erreichbar und schaffen viele Dinge auch ganz einfach von alleine.“

Nach dem Check-in gleich unter die Dusche

Jetzt kümmert sich Tobias zum Beispiel um recht komplizierte Behördenangelegenheiten wie die Kostenbefreiung von den Rezeptgebühren oder Anträge für die weitere Unterkunft. Julien Thiele sieht, dass es Menschen wie Tobias besser geht. Manchmal kommt er zum Hotel und staunt: „Wow, sehen die gut aus.“ Er und seine Kollegen hätten das Angebot, Obdachlose in Hotels unterzubringen, mit „einer absoluten Euphorie“ aufgenommen. „Menschen überhaupt einmal ein Angebot machen zu können, wo wir wissen, sie müssen keine Abstriche machen, sondern sie können es einfach annehmen.“ Fast alle, die ins Hotel begleitet werden konnten, seien direkt nach dem Check-in unter die Dusche gegangen, hätten sich den nächsten Tag gemeldet und seien „ganz anders aufgetreten.“ 

Das zeigt auch: Wenn Obdachlose verdreckt sind, liegt dies daran, dass sie kaum Möglichkeiten zum Duschen haben. Und dreckige Menschen werden gemeinhin schlechter behandelt. Wie schlecht, hat Tobias oft am eigenen Leib erfahren. „Es gibt viele Leute, die helfen einem, die reden auch mit einem“, berichtet er. „Es gibt leider noch mehr Leute, die einen entweder ignorieren oder beleidigen, dumme Sprüche bringen oder auch körperlich angreifen.“ Er selbst sei 2017 gar im Schlaf angezündet worden. „Es ist in den letzten Jahren echt schlimm geworden“, sagt er. Was zudem zeigt: Ein Dach über dem Kopf bedeutet auch ein Leben in Sicherheit.

Es gibt und gab aufgrund der Corona-Pandemie auch städtische Übernachtungsmöglichkeiten über das Winternotprogramm hinaus. „Aber die sind kein Vergleich zur Unterbringung in Hotels. Das fängt schon beim Betreten an“, sagt Julien Thiele. Es mache schon einen Unterschied, ob man freiwillig und so, wie man möchte, in ein Hotel gehe oder ob man sich in städtischen Unterkünften von Security abtasten und durchsuchen lassen sowie seine Sachen offenlegen müsse.

Hoffnung, auf ein Leben ohne Gewalt

Die Zeit in den Hotels geht in diesen Tagen für die Obdachlosen zu Ende. Die Mittel der Spende sind aufgebraucht. Und es gibt auch keinen harten Lockdown mehr wegen Corona. Und dann? Julien Thiele will helfen, dass möglichst wenige zurück auf die Straße müssen, sondern in betreuten Wohnprojekten unterkommen. „Jemanden einfach nur in eine Wohnung zu setzen und dann zu gehen, das ist es dann eben auch nicht“, sagt er. Irgendwie müsse man dann auch noch Gemeinschaft realisieren können.

Tobias steht schon bei mehreren Projekten auf der Warteliste und ist voller Hoffnung. Auf ein Leben ohne Gewalt, Drogen, Bettelei und ohne den bangen Blick in den Himmel. Gerade wenn es abends mal regnet weiß er, was die eigenen vier Wände wert sind: „Dann denke ich nur: Ist doch schön, jetzt nicht draußen schlafen zu müssen. Hier jetzt in meinem warmen Bett liegen zu können statt draußen im Schlafsack und zu hoffen, dass man nicht nass wird.“ Dank dafür gilt der Reemtsma Stiftung für die Spende. Aber auch dem Straßenmagazin Hinz & Kunzt, der Alimaus, der Diakonie und der Caritas, dass sie die obdachlosen Menschen betreut haben.

Text u. Foto: Klaus Böllert