12.01.2022

Christian Sauer im Interview

Entdecken wir die Kraft des Wetters!

Sind wir nicht alle schnell genervt, wenn’s mal wieder regnet? Der Journalist und Naturliebhaber Christian Sauer wirbt für einen freundlicheren, aufmerksameren Blick aufs Wetter – auf seine zauberhafte Vielfalt und seine zerstörerische Wucht. Im Interview spricht er über spirituelle Erlebnisse in der Natur, die Wetter-Geschichten aus der Bibel und die Frage, was wir daraus für den Umgang mit der Umwelt lernen können.

Er geht gern raus in die Natur: Christian Sauer.
Er geht gern raus in die Natur: Christian Sauer.

Sintflut, Wolkensäule, Blitz und Donner – was können wir aus den alten Wetter-Geschichten der Bibel für unser Wetter-Erleben heute lernen?

Um etwas lernen zu können, müssen wir zunächst unseren Blick wieder öffnen. Die Menschen haben ja noch nie so abgeschirmt vom Wetter gelebt wie heute. Für uns sind nicht nur Dach und Heizung selbstverständlich, sondern sogar eine Klimaanlage im Auto und im Zug. Wir in den reichen Ländern sind wohl die erste Generation, die das Wetter fast komplett ignorieren kann. Dieser Gewinn bringt aber einen großen Verlust mit sich: Wir nehmen das Wetter kaum noch wahr. Die Menschen der Bibel hatten ein unmittelbares Verhältnis zum Wetter, es ging ihnen auf und unter die Haut, und oft ging es um Leben und Tod. Ihr Erleben kann uns lehren, wieder genauer hinzusehen und hinzuspüren.

Verstehen Sie ein Ereignis wie die Hochwasser-Katastrophe vom vergangenen Juli als Weckruf?

Das Leid der Hochwasser-Opfer steht zunächst einmal für sich und verdient unser Mitgefühl. Nach der Trauer muss aber auch ein Nachdenken einsetzen: Stimmt vielleicht etwas nicht mit unserer Wetter-Wahrnehmung? Blenden wir etwas aus? Meine Antwort ist: Ja, wir blenden die enorme, auch zerstörerische Kraft des Wetters aus – genau wie die Vielfalt und Schönheit von Wetterphänomenen. Wir sollten mehr und genauer wahrnehmen. Das würde uns zum Beispiel dazu bringen, beim Hochwasserschutz noch vorsichtiger zu werden und dem Wasser möglichst seine natürlichen Räume und Wege zu lassen. Denn zu glauben, dass Starkregen in jeder Landschaft zu jeder Zeit kanalisierbar und kontrollierbar ist, erweist sich zunehmend als Illusion.

Auch durch den Klimawandel?

Der menschengemachte Klimawandel verstärkt Probleme, die vorher schon da waren. Auch vor Einsetzen der Erderwärmung gab es extreme Wetterereignisse mit vielen Opfern. Jetzt spüren wir, dass das Extremwetter häufiger wird. Höchste Zeit, dem Naturphänomen Wetter aufmerksamer zu begegnen. Daraus wird sich automatisch ein größerer Respekt für das Wetter und in einem umfassenderen Sinne für die Umwelt ergeben. Den brauchen wir dringend. 

Das klingt ein bisschen nach einer Mahnung vor neuen Sintfluten. In Ihrem Buch mahnen Sie aber gar nicht, es ist vielmehr eine „Liebeserklärung an den Regen“. 

Ich glaube tatsächlich nicht, dass man mit Mahnpredigten und Aufrufen zur Buße viele Menschen erreicht. Sinnvoller ist es, ihnen die Augen zu öffnen für das, was sie im Kontakt mit der Natur erleben können: Schönheit, Verbundenheit, Partnerschaft. Wenn die Menschen den Regen wieder als mögliche Resonanzquelle entdecken, wie der Soziologe Hartmut Rosa das nennt, dann wird es ihnen schwerer fallen, sich permanent klimaschädlich zu verhalten. 

Schildern Sie uns mal einen Ihrer Resonanzmomente im Regen?

Da denke ich an einen Sommermorgen in den Schweizer Alpen, als ich allein über eine Almwiese ins Tal stieg. Da war eine regensatte Wiese, an den Zaundrähten hingen Tropfen, in denen sich die Welt spiegelte. Die Luft war so rein, wie sie es nur nach starkem Regen ist. Und dann hatte ich plötzlich das Wort „Taufe“ im Kopf. 

Wie kam das?

Das Regenwasser, der Dunst über den Berghängen – das verdichtete sich zu einem spirituellen Erlebnis: Mir war sozusagen regenklar, dass ich – und vielleicht wir alle – immer wieder neu beginnen können. Ein urchristlicher Gedanke, ein Moment großer innerer Weite. Wasser als Symbol des Lebens und der Erneuerung. Das fiel da alles zusammen. Und ich glaube, in diesem Erleben war ich auch den Menschen der Bibel nah.

Dort tauchen Wetterzeichen oft als Drohung und Symbol der Stärke Gottes auf.

Ja, gut so, Regen und Gewitter können extrem stark sein und uns vor Augen führen, was für machtlose Wesen wir sind. Kein Wunder, dass die Autoren der Bibel davon berichten. Im Falle der Sintflut steckte dahinter – wie wir heute wissen – ja auch eine reale Erfahrung mit einer Überschwemmungskatastrophe. Aber selbst wenn es eher symbolische Hinweise sind wie bei der Wolkensäule, die dem Volk Israel den Weg weist: Das sind starke Bilder, die jedem, der mit offenen Augen durch die Welt geht, plausibel erscheinen werden. 

Wir heutigen Menschen haben vielleicht nicht mehr den Blick für das Spirituelle im Naturgeschehen.

Kommt darauf an. Ich bin viel draußen unterwegs, und dabei begegnen mir immer wieder Situationen, die mich in eine intensive, sehr offene Stimmung versetzen. Bei einer langen Fahrradtour in extremem Dauerregen war ich irgendwann so entkräftet, dass ich dachte, ich fange an zu halluzinieren. 

Ernsthaft?

Ja, ernsthaft. Mir erschien da eine Frau, die mitten in dem Regeninferno stehenblieb und uns den Weg wies, wie ein Engel, den uns jemand geschickt hatte. In dem Moment war ich so dünnhäutig, so durchlässig, dass da eine andere Realität durchschien. Und ich denke, so etwas haben die Menschen in Zeiten der Bibel gut gekannt. Die Wucht des Wetters schutzlos erleben – das hat ihnen den Blick geöffnet.

Wie könnten wir es schaffen, das Wetter als spirituelle Erfahrung zu sehen? 

Ich möchte bewusst niemandem empfehlen, bei Starkregen Fahrradtouren zu machen, um dann Engeln zu begegnen. Das ist mir so passiert, es war auch eine Dummheit. Was ich aber empfehle, ist, die wunderbare Seite des Wetters stärker wahrzunehmen. Und darunter verstehe ich eben nicht nur knallblauen Himmel und den Sonnenuntergang am Meer. Den Zauber des Wetters entdecken wir sogar noch besser in unserem Alltagswetter, im mitteleuropäischen Mischwetter. Gerade wir in Norddeutschland sind damit ja gesegnet.

Was würde das verändern, wenn ich mir so einen Tag mit Wolken, Regen und ein bisschen Sonne genauer ansehe?

Alles! Nehmen wir an, Sie stehen morgens auf und schauen raus – Mischwetter! Vielleicht bleiben Sie neutral oder Sie lassen sich schon ein bisschen betrüben und ärgern sich dann noch über den Schauer auf dem Weg ins Büro, der die Hosenbeine nass macht. Im Büro haben alle schlechte Laune, und Sie lassen sich davon anstecken. Abends bleiben Sie drinnen, obwohl Sie eigentlich noch gern einen Spaziergang mit Ihrer Frau gemacht hätten. Wenn das so läuft, dann sind Sie in die Falle unserer kulturell geprägten Regenfurcht gegangen. 

Aber Regen ist nun mal meistens kalt, nass und unangenehm.

Versuchen Sie doch trotzdem einmal, etwas zu machen aus dem Wetter, das wir ja eh nicht ändern können. Schauen Sie morgens ein paar Sekunden länger aus dem Fenster. Sie werden vielleicht marmorierte Wolken wahrnehmen, eine interessante Strömung am Himmel bemerken, die ersten Spiegelungen des Tageslichts auf der nassen Straße sehen. 

Raus muss ich trotzdem, und nass werde ich wahrscheinlich auch …

Aber achten Sie auf dem Weg zum Büro doch mal auf den Glanz der Pflastersteine im Regen, auf die Farben der Natur, die bei grauem Wetter mit sanfter Kraft hervortreten. Auf die Stimmung der Stadt, die bei Regen nicht aufgekratzt, sondern konzentriert ist. Auf die Atmosphäre drinnen, die durch den Regen draußen dichter wird. Und, bitte, gehen Sie abends spazieren! Ich gehe dauernd bei Regen raus und brauche nicht mehr als eine Mütze und eine Jacke, meist komme ich komplett trocken nach Hause. Regen ist selten so stark, wie er von drinnen aussieht.

Regen, Wolken, Sonne, das alles scheint für Sie eine Sinnlichkeit zu haben. Können wir es mehr genießen, wenn wir es als Teil der göttlichen Schöpfung erleben?

Aber ja. Schon das Wort Schöpfung erinnert mich wieder an das Element Wasser. Ohne Wasser kein Leben. Und das Wunderbare am Wetter ist ja, dass es für uns Menschen noch weitgehend unverfügbar ist, um noch einmal einen Begriff von Hartmut Rosa aufzugreifen. Wir können es im Alltag nicht beeinflussen. Anstatt uns deshalb genervt nach drinnen zu verziehen, sollten wir rausgehen und im Wetter die Schöpfung erleben, wie sie jenseits unserer Kontrollversuche ist, immer schon da war und bleiben wird. Das Wetter erinnert uns daran, wie unbedeutend wir als Gattung auf diesem Planeten sind. Ich selbst erlebe das als erleichternd.

Manche Menschen erleben das Wetter eher auch mal als bedrohlich. Etwa Landwirtinnen und Landwirte, die existenziell von Sonne und Regen abhängig sind. Glauben Sie, dass sie enger mit dem Wetter verbunden sind als Büromenschen aus der Stadt?

Ja, das glaube ich. Das gilt für Landwirtinnen und Landwirte, für alle, die vom Ertrag ihrer Wiesen und Felder leben. Übrigens auch für Jägerinnen und Jäger. Sie alle sind unmittelbar abhängig vom Wetter. Gerade Bauern wissen, dass die Witterung Fluch und Segen sein kann. Ich weiß nicht, ob der katholische Brauch des Wettersegens noch gepflegt wird. Damit bittet ja eine Gemeinde Gott um Wachstum und Gedeihen auf den Feldern, sie möchte von Unwettern verschont bleiben. Ich schätze, das ist als gemeinsames Gebet nicht mehr so gebräuchlich, aber mancher Bauer spricht das Gebet für sich, wenn wieder die Dürre zuschlägt wie 2020 oder Starkregen und Windhosen drohen. Oder sogar schon vorher, wenn gerade alles bestens ist – weil er weiß, wie schnell das günstige Wetter umschlagen kann.

Anders als Landwirte sind die meisten Menschen heute vom Wetter nicht mehr existenziell abhängig. Viele sehen Wetter nur noch als Kulisse für ihre Freizeitgestaltung. Wie können wir damit umgehen, wenn das Wetter durch die Erderhitzung sehr wohl wieder existenzbedrohend werden kann?

Der erste Schritt wäre, das Wetter wieder aufmerksamer wahrzunehmen, in all seinen tausend Facetten. Es geht darum, das Wetter zu akzeptieren, wie es ist, anstatt es immer gleich zu bewerten. Uns mit ihm zu arrangieren, zum Beispiel durch angemessene Kleidung. Und dabei immer neugierig und unternehmungslustig zu bleiben. Dieses Interesse, diese höhere Sensibilität, die sollten uns auch einen Weg zeigen, wie wir mit den Folgen der Klimakrise besser umgehen können.

Inwiefern?

Zum Beispiel, indem wir die Gefahren von Starkregen keinesfalls unterschätzen. Oder: lieber mal bei bedecktem Himmel an den Strand gehen als bei extremer UV-Strahlung. Im Endeffekt könnte uns diese Wetter-Sensibilität hinführen zu einem umfassenden Respekt für unsere Mitwelt, wie die Franziskaner das nennen. Wir sind ein Wesen unter vielen. Wir sollten uns immer so verhalten, dass wir mit allem anderen, was diese Erde ausmacht, partnerschaftlich leben und überleben können.

Mein Freund, der Regen …?

Das klingt mir etwas zu sehr nach naiver Natur-Vergötterung. Was ich meine, ist: Wir müssen und können miteinander zurechtkommen auf diesem Planeten. Ein Wetterphänomen wie Regen erinnert uns daran. Wir können am Regen lernen, wie wir gut mit Mutter Erde auskommen.

Interview: Andreas Lesch

 

Zur Person:

Christian Sauer ist Journalist und Buchautor in Hamburg, außerdem arbeitet er als Weiterbildungsdozent und Coach. Der Katholik war Mitgründer des evangelischen Magazins „chrismon“. Er fühlt sich der Nature Writing-Bewegung zugehörig, die eine neue Sprache für die Begegnung zwischen Mensch und Natur sucht.

Jüngst erschien von ihm im Verlag Hermann Schmidt das Buch „Regen. Eine Liebeserklärung an das Wetter, wie es ist“, gestaltet und illustriert von Franca und Klaus Neuburg. Sein voriges Buch „Draußen gehen“, ebenfalls gestaltet von Franca und Klaus Neuburg, wurde von der Stiftung Buchkunst als „eines der schönsten 25 Bücher 2020“ ausgezeichnet.

Kontakt: info@christian-sauer.net