28.08.2020

Es wurden Dornen

Seit Jahrtausenden wird die Rose als Zier- und Heilpflanze kultiviert. Rosen gibt es nur mit Dornen. Das ist immer auch ein Bild für das Leben gewesen. Nur wenige haben das so schön sagen können wie die Dichterin Rose Ausländer.

Rosenbusch mit Dornen

Eine alte sinnreiche Kombi­nation: Keine Rose ohne Dornen. Foto: Heung Soon/pixabay

Ein winziger Dorn im Finger – welch eine Behinderung, ein Ärgernis! Dem Ziel über einen dornigen Weg zustreben müssen – unangenehm! Nein, wir wünschen uns das Angenehme, wir sehnen uns nach Schönem und Gutem. Immer aber hält das Leben beides für uns bereit.

Beides! Ist da nicht der Rosenzweig, der Rosenstrauch ein treffliches Beispiel, ein Symbol? Rosen – und Dornen! Rose Ausländer, die jüdische Dichterin (geboren 1901 in Czernowitz, gestorben 1988 in Düsseldorf), stößt uns darauf in ihrem Gedicht mit dem Titel „Dornen“:

Wir haben Rosen
gepflanzt
es wurden Dornen

Der Gärtner
tröstet uns
die Rosen schlafen

man muss auch
seine
Dornenzeit lieben
(Rose Ausländer)

Welch eine Herausforderung! Lebenserfahrungen stecken in diesen wenigen Worten. Wir haben Rosen gepflanzt: die gute Absicht, der Plan, die Tat, unser Streben nach Schönem, Guten… 
Es wurden Dornen: die Enttäuschungen im Leben, Unangenehmes, Widerständiges, Schmerzvolles… 

Der Gärtner ist ein Wissender, der Fachmann, der Erfahrene. Spricht am Ende in ihm Gott zu uns? Der Gärtner tröstet uns. Wohl dem, der einen Tröster hat! So dringlich brauchen wir ihn immer wieder. Ihn, der den Durchblick hat; der weiter sieht; der die Hintergründe kennt, der um das Verborgene weiß. Die Bibel spricht vom Tröstergeist, vom Tröstergott. Die Rosen schlafen. Welch wunderschöne tröstliche Feststellung! Welch Lebenswissen! Im dornigen Alltag darf man nicht vergessen: Es gibt die Rosen! Sie werden sich zeigen. Noch sind sie verborgen. Sie schlafen. Darin drückt sich Hoffnung aus, Zuversicht, Kraft! 

Die Rosen schlafen nur. Sie werden erwachen

Man muss auch seine Dornenzeit lieben. Die Dichterin springt vom Symbol zum Menschen: die Dornenzeit, es ist nicht die Dornenzeit der Rosen, sondern des Menschen! Ja, Lebensweisheit lehrt das. Auch meinen Schatten annehmen, ihn lieben. Meine, und den der anderen! Ecken und Kanten akzeptieren. Mich lieben, so wie ich (geworden) bin – weil Gott es auch tut!

Die Dornenzeit lieben. In der Dornenzeit lieben und darauf vertrauen: die Rosen schlafen. Sie werden erwachen. Sie werden mich erfreuen! Auch wenn sie ihre Dornen behalten! Beides, Rosen und Dornen. Wie im Gleichnis Jesu (Matthäus 13,24–30). Dort wachsen der gute Weizen und das Unkraut. Beides sollen wir annehmen, lieben, wachsen lassen. Am Ende wirkt Gott Gutes! Unter Unkraut mit Dornen.

Text: Albert Sprock