21.12.2022

Flucht nach Ägypten

Dass Maria und Josef mit dem Kind nach Ägypten flohen, berichtet der Evangelist Matthäus. Die ägyptischen Christen haben diese Wegstrecke im Gedächtnis bewahrt. Viele Orte erinnern an Stationen der Heiligen Familie, die über den Nil bis nach Oberägypten gelangt sein soll. Monsignore Wilm Sanders und der Freundeskreis Philoxenia haben diese Orte bereist.

In Deir Abu Hinnis findet jedes Jahr Ende Januar eine Prozession statt, zu der Zeit, als der Legende nach Maria und Josef mit dem Jesuskind hier den Nil überquert haben sollen. | Foto: kna

„Ägypten gehört zum Heiligen Land; denn Jesus hat auch hier gelebt!“ – das sagten uns Priester und Mönche immer wieder bei unserer Philoxenia-Reise zu koptischen Klöstern im September dieses Jahres. Philoxenia ist seit über 50 Jahren ein Freundeskreis in Deutschland zur Begegnung von Christen der westlichen und östlichen Tradition. Kopten heißen die Christen in Ägypten. Sie gelten als direkte Nachfahren der pharaonischen Bevölkerung.

Und sie wissen gut, das Jesus als Flüchtling nach Ägypten kam, wie es das Matthäus-Evangelium berichtet: „Als die Sterndeuter gegangen waren, erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten, dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten. Da stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und seiner Mutter nach Ägypten. Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“ (Matthäus 2,13-15)

Die Kenntnis der Ägypter, auch des Tourismus-Ministeriums, über den Weg der Heiligen Familie durch ihr Land in nahezu 30 Stationen erstaunte uns sehr. Sie beruht auf Visionen des koptischen Papstes Saophilus im 4. Jahrhundert, durch die ihm der Verlauf der Reise kundgetan wurde. Nach der Ankunft im Nildelta habe es eine erste Rast unter einer Dattelpalme in Heliopolis gegeben. Im Bereich des heutigen Kairo werden drei Zufluchtsorte verehrt: Einige Tage lebten die Flüchtlinge in der Festung mit dem Namen Babylon, dann sechs Wochen in einer Höhle, die später zur Krypta der St.-Sergius-Kirche im heutigen Alt-Kairo wurde. Leider steht sie je nach Grundwasserspiegel unter Wasser, weshalb ich sie bei einer früheren Reise nicht betreten konnte. Aber jetzt war sie trocken und wir konnten dort eine kurze Andacht halten. In der Nähe gibt es im Frauenkloster des hl. Georg einen Brunnen, aus dem die Heilige Familie Wasser schöpfte. Auf dem Weg nach Süden hielt sie sich kurz bei einigen jüdischen Familien im heutigen Stadtteil Maadi auf, wo schon bald eine Kirche und im 6. Jahrhundert auch das „Kloster der hl. Maria“ gegründet wurde.

In allen Klöstern gibt es Fresken und Ikonen mit Darstellungen von der Flucht: Maria sitzt mit dem Kind auf einem Esel, Josef geht voran, Engel behüten den Weg. Von einem Esel sagen die Evangelien nichts, doch Ochs und Esel erinnern auf den Krippendarstellungen an ein Wort des Propheten Jesaja (1,3), dass Tiere oft klüger sind als die Menschen. Die koptische Tradition weiß nun, dass die Heilige Familie von Maadi aus die Reise nilaufwärts mit einem Segelschiff fortsetzte. Auf Bildern findet dann neben der Heiligen Familie auch der Esel einen Platz auf dem Schiff .

Steinschlag in Gebel-el-Teir: Jesus rettet das Boot

Bei einem Aufenthalt von zwei bis drei Tagen in Gebel-el-Teir bei Samalut verhinderte Jesus, dass ein großer Felsbrocken auf das Boot fiel. Hier sollen auch die Märtyrer aus dem Dorf El-Hor, die 2015 von Angehörigen des Islamischen Staates in Libyen ermordet wurden, gern gebetet haben. In der heutigen Wallfahrtskirche „Zur Heiligen Familie“, in der wir ein altkirchliches, aus einer runden Säule herausgehauenes Taufbecken sahen, hielten wir eine Morgenandacht.

Schließlich fand die Heilige Familie Zuflucht in einer Hütte in der Nähe von Assiud in Oberägypten. Dort entstand das Marienkloster El-Muharrak. Der junge Mönch Lazarus, der uns dort führte, wusste, dass die Heilige Familie hier sechs Monate und zehn Tage gelebt habe und dass der Jesusknabe, inzwischen vier bis sechs Jahre alt, hier spielend auf dem ganzen Gelände herumgelaufen sei, weshalb das gesamte Areal heiliger Boden sei. Hier sei es dann auch gewesen, wo Josef im Traum durch einen Engel des Herrn vom Tod des Herodes erfuhr, worauf er „aufstand und mit dem Kind und dessen Mutter in das Land Israel zog“. (Mt 2,19-23)

Die koptische Kirche feiert alljährlich die Ankunft der Heiligen Familie in Ägypten als Fest am 1. Juni mit diesem Festgesang: „Sei glücklich und freue dich, Ägypten und all deine Kinder und deine Grenze; denn zu dir ist gekommen, der alle Menschen liebt, der da ist vor aller Ewigkeit.“ Uns beeindruckte diese lebendige Verbundenheit mit der Flucht der Heiligen Familie. Sie sollte uns ständig an Fluchtgeschichten unserer Tage erinnern.

VON WILM SANDERS
Monsignore Wilm Sanders ist Pfarrer und Domkapitular im Ruhestand, außerdem Vorsitzender des Freundeskreises „Philoxenia“, der sich der Begegnung von Ost- und Westkirche widmet.