12.08.2020

Freude auf den Wechsel

Wenn Ulrich Bork am 12. September zum Priester geweiht wird, blickt er auf vielfältige Erfahrungen zurück: Er ist in einem evangelischen Haushalt in der DDR aufgewachsen, arbeitete als Steuerberater und Hotelier.

Priesteramtskandidat Diakon Ulrich Bork aus Hamburg
Ulrich Bork arbeitet seit 2012 als Diakon in der Billstedter Gemeinde St. Paulus. Foto: Matthias Schatz

Ein Protestant mit den Ansichten eines Katholiken. So beschreibt sich Ulrich Bork rückblickend als 20-Jähriger. Beispielsweise gelte dies für die Eucharistie. Das Abendmahl sei für ihn stets mehr gewesen, als lediglich eine Erinnerung an Tod und Auferstehung Jesu. „Die katholische Kirche gab mir Antworten auf Fragen, die sich mir in der evangelischen Kirche stellten“, bekennt er, als wir uns in seinem Zimmer des Gemeindehauses von St. Paulus in Billstedt unterhalten. Ulrich Borks Stimme klingt dabei nicht nur sehr entschieden, sondern auch heiter, ja sogar fröhlich. Dabei durchlebte er damals, Anfang der 1980er-Jahre, eine sehr schwierige Zeit. 

Aufgewachsen ist Bork in einem evangelischen Elternhaus, und zwar in den damals zu Ost-Berlin gehörenden Stadtteilen Lichtenberg und Marzahn, seinerzeit noch kein sozialer Brennpunkt wie heute, sondern ein Vorzeigestadtteil des Arbeiter- und Bauernstaates. Er engagierte sich in der Jugendarbeit der Kirche und der Friedensbewegung, die den sozialistischen Machthabern offenbar zu gefährlich wurde. Ein Stasi-Spitzel ließ die Gruppe auffliegen. Bork, der gerne Grundschullehrer geworden wäre, musste sein Pädagogikstudium abbrechen. 

„Die boten mir dann an, es wieder aufzunehmen, wenn ich für die Stasi als IM arbeite. Aber das habe ich abgelehnt“, berichtet Bork. Für einen 20-Jährigen sei das ein schwerer Schock gewesen, Träume seien zusammengebrochen. „Aber solche Wechsel mündeten bei mir doch stets in etwas Gutem, auch wenn sie zunächst schwer zu verkraften gewesen sind.“ Er begann im Steuerberatungsbüro seiner Mutter zu arbeiten – solche Dienstleistungen waren für kleine Betriebe in der DDR erlaubt. 

Geprägt durch Alfred Kardinal Bengsch

Und er konvertierte. 1984 wurde Ulrich Bork von Joachim Kardinal Meisner in der Hedwigskathedrale nahe der Berliner Prachtstraße „Unter den Linden“ gefirmt. „Die Katholiken in der DDR waren eine kleine, eingeschworene Gemeinschaft“, erinnert er sich. „Sie begriffen sich aber nicht als Katholiken in der DDR, sondern als Teil einer Weltkirche.“ Prägend sei für ihn der Berliner Erzbischof Alfred Kardinal Bengsch gewesen, der sinngemäß die Katholiken dazu aufgefordert habe, ihren Bürgerpflichten in der DDR nachzukommen, aber sich nicht vereinnahmen zu lassen. 

Nach der Wende wurde aus dem Steuerberatungsbüro der Mutter eine regelrechte Kanzlei, in der Bork bis 1995 arbeitete. Dann machte er sich als Unternehmensberater selbstständig, bis sich 2002 die Möglichkeit ergab, ein Hotel in Wyk auf Föhr zu leiten. „Ich war begeisterter Hotelier“, sagt Bork. Nach seiner Weihe 2011 war er als Ständiger Diakon mit Zivilberuf tätig. Im Laufe der Zeit aber habe diese nebenberufliche Tätigkeit immer mehr zugenommen. „Da ich keine halben Sachen mache, entschied ich mich, hauptberuflich als Diakon zu arbeiten.“ So löste er den Pachtvertrag für das Hotel und trat 2012 die Stelle in der St. Paulus-Gemeinde in Billstedt an, die er bis zur nun anstehenden Priesterweihe bekleidet.

„Hier habe ich selbstständig arbeiten können – und wurde auch sehr gebraucht“, sagt Bork. Die Gemeinde bestehe zu rund zwei Dritteln nicht aus Deutschen. Viele Bewohner hätten große Sorgen. „Das geht hier nicht ohne Hauptamtliche. Erstkommunionunterricht ist hier sozial-diakonische Arbeit.“ Eine Ahnung der Probleme kann man in nächster Umgebung der Backsteinkirche bekommen: Ein Obdachloser liegt in seinen Schlafsack eingelullt, andere vertreiben sich auf Parkbänken die Zeit. 

Wollte mehr machen als ein Diakon

In Billstedt habe er aber auch die Grenzen des Diakons gespürt, berichtet Ulrich Bork. „Ich gab beispielsweise den Erstkommunionunterricht, nahm den Kindern aber nicht die erste Beichte ab, obwohl viele von ihnen das erwartet hatten.“ Oder er begleitete Sterbende, durfte ihnen aber nicht die Krankensalbung spenden. „Ich wollte mehr machen und habe den Bischof gebeten, den Weg zum Priester noch gehen zu dürfen.“ Dafür sei noch „theologisches Handwerkszeug“ erforderlich gewesen, das er bei einem Aufbau- und Ergänzungsstudium an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Vallendar erworben habe. 

Wieder ein Wechsel – und diesmal freut sich der 58-Jährige darauf. Und ergänzt im Hinblick auf seinen Werdegang: „Es bringt viel, wenn man so einen Weg einschlagen kann mit der Erfahrung dessen, was es im Leben gibt.“ 

 Text u. Foto: Matthias Schatz