27.09.2021

Kirchengeläut war in NS-Zeit geraubt worden

Glocken kommen zurück in die Heimat

"Friedensglocken für Europa": Das Bistum Rottenburg-Stuttgart gibt Glocken zurück, die während der NS-Herrschaft ihren Besitzern gestohlen wurden.

Foto: kna/Bert Bostelmann
Zurück in die Heimat: In Aichtal wird eine Kirchenglocke demontiert, um sie ihren rechtmäßigen Besitzern zurückzugeben. Foto: kna/Bert Bostelmann


Das Bistum Rottenburg-Stuttgart gibt Glocken zurück, die während der nationalsozialistischen Herrschaft ihren rechtmäßigen Besitzern gestohlen wurden und nach Kriegsende zufällig in Württemberg landeten. Betroffen sind 54 Glocken in mehr als 40 katholischen Gemeinden. Der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst stellte sein Projekt "Friedensglocken für Europa" in Aichtal-Grötzingen vor.

Ausgangspunkt der Initiative waren Arbeiten am Geläut des Rottenburger Doms Sankt Martin vor rund einem Jahrzehnt. Damals stellte sich heraus, dass eine Glocke aus dem heutigen Polen stammt. Fürst rückblickend: "Schon 2011 wollte ich diese unrechte Geschichte unbedingt zum Guten wenden, zumal schnell klar war, dass wir noch einige weitere Kirchenglocken aus dem heutigen Polen und Tschechien im Bistum haben."

Wie der Projektverantwortliche Hans Schnieders erläuterte, wurden nach einer Anordnung der Nationalsozialisten ab 1940 rund 100.000 Glocken abgehangen und der Rüstungsindustrie als Metallreserve zur Verfügung gestellt. Bei Kriegsende blieben etwa 16.000 Glocken erhalten; die meisten kamen zurück in ihre Heimatgemeinden.

Rund 1.300 landeten auf dem Hamburger "Glockenfriedhof". Die britische Militärverwaltung nahm zwar nach Kriegsende die Kirchen in die Pflicht, sich darum zu kümmern, wollte aber vor dem Hintergrund der Teilung in Ost und West nicht, dass Glocken nach Osteuropa rücküberführt wurden. Ab 1950 wurde das Geläut schließlich Kirchengemeinden in der Bundesrepublik leihweise überlassen - man wollte die Glocken schlicht los sein.

Zwar wurden später einzelne Glocken ihren Besitzern übergeben, aber über die meisten legte sich der Schleier des Vergessens. Bis heute hängen allein in katholischen württembergischen Kirchen 54 davon. Fast alle Gemeinden wussten nicht, welche Geschichte sich hinter ihrer Glocke verbirgt. Laut Fürst wird für jede Glocke, die zurückkehrt, eine neue gegossen. Beide erhalten einen Segen, der um Frieden bittet.

Fürst nennt sie deshalb Friedensglocken. Vier davon - zwei Alte und zwei Neue - wurden blumenbehangen präsentiert. Das geschah in Aichtal-Grötzingen, weil dort eine Glocke aus Polen und eine aus Tschechien hängt. Eigens zum Projektstart gekommen waren auch der tschechische Bischof Martin David und der polnische Bischof Jacek Jezierski, die beide ihren Respekt vor der Initiative zum Ausdruck brachten.


Glocken erzählen von Lokalgeschichte

Die Glocken beweisen, dass sie mehr können als läuten: Die Inschriften enthalten oft Namen des Ortes und der Pfarrei, Patrozinien, also die damals festgelegte Schutzherrschaft eines Heiligen, die Namen des Stifters und des Gießers, den Ort und das Jahr des Gusses - und erzählen so ganz konkret Lokalgeschichte. Teilweise sind die 20 bis 850 Kilogramm schweren Glocken im Bistum mehr als 500 Jahre alt.

Fürst schilderte, welche "große, emotional tiefgehende Bedeutung" die Rückgabe der Glocken für die Menschen haben könne. "Glockengeläut steht auch für Beheimatung." Die "leidvolle und ungerechte Geschichte" einer Glocke könne so zu einem Symbol für Hoffnung, Völkerverständigung und Frieden werden. Am Nachmittag feiert er gemeinsam mit David und Jezierski in Aichtal-Grötzingen Gottesdienst.

Das ganze Projekt soll nach Angaben des Bistums in den nächsten sechs Jahren rund 2,5 Millionen Euro kosten. Ziel ist es, über die formale Rückgabe hinaus Begegnungen zwischen Menschen zu ermöglichen und so einen Beitrag zur kirchlichen Friedensarbeit zu leisten. Die Glocken könnten eine Brücke zwischen den Gemeinden bilden und zu einem Zeichen des Friedens werden, so Fürst.

Termine für erste Rückführungen sind vereinbart. An einigen Orten entstanden durch frühere Rückgaben bis heute weitergehende Kontakte. Spannend ist, dass die mit dem Projekt verbundene systematische Untersuchung in dieser Form bislang bundesweit einmalig ist - sowohl mit Blick auf die katholische als auch auf die evangelische Kirche. Insofern kann das Projekt Modellcharakter haben. Fürst sagte: "Ohne Erinnerung geht nichts voran."

kna