19.05.2021

Gott suchen am Tor zur Welt

In seiner Doktorarbeit hat Gerrit Spallek, Hamburger Theologe und langjähriger Dozent am katholisch-theologischen Institut der Uni Hamburg ein ungewöhnliches Forschungsfeld betreten: seine Stadt als Quelle theologischer Erkenntnis.

Der Theologe Gerrit Spallek am Ort seiner Forschung: mitten in Hamburg
Der Theologe Gerrit Spallek am Ort seiner Forschung: mitten in Hamburg. Foto: Andreas Hüser

Dass Theologie vor allem in Städten betrieben wird, ist nicht neu. Aber den Hamburger Hauptbahnhof, den Friedhof Ohlsdorf und sogar den Strich auf St. Pauli als Ort der Theologie darzustellen, darauf muss man erst mal kommen. Wie sind Sie darauf gekommen? 

Als 2014 das katholisch-theologische Institut in Hamburg gegründet wurde, war ich von Beginn dabei. Wir haben uns gefragt: Warum studiert jemand in Hamburg katholische Theologie? Andere Universitäten bieten doch viel mehr. Die Antwort war: Es ist die Stadt. Während meines Studiums in Münster habe ich mich schon für Forschungen zur Theo­logie besonderer Orte interessiert. Aber das blieb alles theoretisch. Und die gelernte Theologie wurde schnell brüchig, wenn ich am Wochenende in Hamburg Jugendarbeit gemacht habe. Deshalb habe ich mir gesagt: Ich probiere es aus. Ich mache Hamburg zum Ausgangspunkt meines theologischen Denkens. 

Ein „Ort der Theologie“, das ist ein alter theologische Fachbegriff. Gemeint ist damit aber kein geografischer Ort…

Die Rede von den „Loci Theologici“, den theologischen Orten, geht auf den Dominikaner Melchior Cano aus dem 16. Jahrhundert zurück. Er unterscheidet zehn Quellen für das theologische Denken. Interessant ist, dass Cano nicht nur die Heilige Schrift und die kirchliche Lehre nennt, sondern auch die Vernunft und das Geschick der Menschen in ihrer Zeit. Menschen sind aber nicht nur zeitliche, sondern auch räumliche Wesen. Geografische Orte und philosophische Fragen des Raumes sind in den Geisteswissenschaften mittlerweile von großer Wichtigkeit. Man spricht auch von einem „spatial turn“. 

Was macht Hamburg für Sie als Theo­logen interessant?

In der Großstadt kann man vielen Dingen nicht aus dem Weg gehen. Man erlebt viele unterschiedliche Menschen, oft nur in ganz flüchtigen Begegnungen, für einen Wimpernschlag. Ich habe nicht unter Kontrolle, wem ich begegne. Vieles ist mir fremd. Manches stößt mich sogar ab. Als Theologe geht mich aber alles an. 

Sie zitieren eine alte Rahner-Anekdote. Der Theologe Karl Rahner soll einmal im Menschengewimmel eines Großstadtbahnhofs gefragt haben: Kann es sein, dass alle diese Menschen, sofern sie nicht katholisch sind, verloren sind?

Ja, der Bahnhof ist der Ort, an dem dicht gedrängt so viele Menschen aufeinandertreffen wie sonst nirgendwo in der Stadt. Das kann mich zum Nachdenken bringen, aber auch klein und ängstlich werden lassen. Das ist die Erfahrung der „Kontingenz“, das Bewusstsein, ich bin hier eigentlich gar nicht von Bedeutung. Und ich erlebe ständig Menschen, die anders sind als ich und sich nicht so verhalten, wie ich es normal finde. Ich glaube, die Konfrontation mit dem Fremden, die Überraschung ist ein guter Ausgangspunkt, den Sprung zu machen zu Gott, der immer für eine Überraschung gut ist und anders gedacht werden muss, als ich es gewohnt bin. 

Der typische Hamburger neigt in Gottesfragen eher zum Schweigen. Über Gott wird nicht gesprochen. Was geht, sind Engel. Engel haben Sie auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Mengen gefunden…

Ja, seit der Jahrtausendwende haben Engel auf Friedhöfen Hochkonjunktur – anfangs nur auf Kindergräbern, heute überall. Das hat mich auf Ohlsdorf erst einmal überrascht. Ich habe mich gefragt, was die da machen. Was bedeuten die Engel den Menschen, welche Funktion haben sie? 

Und was haben Sie herausgefunden? Wozu die Engel? 

Ich weiß es bis heute nicht. Wahrscheinlich, weil jeder Mensch etwas anderes mit diesen Engeln verbindet. Für manche ist das nur eine Art Gartenzwerg, für andere ein Bote Gottes. Es ist nicht mehr festgelegt, wie jemand mit Tod und Trauer umzugehen hat. Das bedeutet Freiheit, aber auch Unsicherheit. Wie kann ich angesichts des Todes Frieden finden? Wie drücke ich eine Hoffnung aus, wenn ich – wie Jürgen Habermas von sich gesagt hat – „religiös unmusikalisch“ bin? Eine These wäre: Engel sind Platzhalter. Sie stehen für eine Leerstelle, bei der offen bleibt, was sie ausfüllt. 

Sind nicht auch alle religiösen Bilder vom Leben nach dem Tod, nur Platzhalter für etwas, das niemand benennen kann? 

Das gilt aber auch für die biblischen Engel. Engel, die etwas verkündigen, offenbaren, bewachen oder schützen, sie sind eigentlich doch nur Platzhalter für Gott. 

Ein ganz anderer Ort der Stadt: Der Kiez auf St. Pauli, ein echtes Stück Hamburg. Voll von Mythen, Phantasien, Heilsversprechen – und „Sünde“. Sie waren vor Ort. Was haben Sie erlebt? 

Ich habe – wie auch an den anderen Orten – versucht, möglichst offen heranzugehen und viel Zeit dort zu verbringen und zu beobachten: Welche Themen liegen hier auf der Straße? Ich habe aber schnell gemerkt: Hier komme ich an dem Thema Prostitution nicht vorbei. 

Kein einfaches Thema. Jeder, der mit diesem Metier zu tun hat, zeichnet ja ein völlig anderes Bild als die anderen. Wie sind Sie vorgegangen? 

Ich war allein unterwegs. Die Prostituierten haben mich direkt angesprochen. Ich habe gleich gesagt, dass ich auf einer wissenschaftlichen Erkundungstour bin. Das Problem war. Ein richtiges Gespräch ließ sich kaum führen. Ich war für die Frauen immer der Freier. Ich bekam zu hören, dass Männer grundsätzlich einen größeren Sexualtrieb haben als Frauen, oder dass Sex für Geld am Ende billiger ist als ein normales Liebesverhältnis. Ich habe mich gefragt: Warum sind diese Strategien erfolgversprechend? Das war für mich ein Ausgangspunkt, mir über Männerbilder Gedanken zu machen. Und kam schließlich zu der Frage: Wo gibt es Orte, wo Männer ehrlich über ihre Männlichkeit, auch über Geschlechtlich­keit sprechen dürfen? Und: Sollte es vielleicht in der Kirche ein solchen Ort geben? Und wie gestaltet man die? 

Es gibt ja kirchliche Gruppen, wo unter Männern über Sexualität geredet wird. Ob das jedermanns Sache ist, ist ja eine andere Frage. 

Man muss sicher ehrlich anerkennen, was es alles gibt. Nur frage ich mich, ob nicht auch dort Rollenklischees zu finden sind – wenn etwa als Symbolbild in der Männerpastoral ein Bogenschütze auftaucht. Ich selbst habe übrigens ganz in der Nähe gute Erfahrungen gemacht: in einer Gruppe für Väter in Elternzeit in Altona. 

Eine Frage zu dem, was nicht in Ihrer Arbeit vorkommt: Warum sind Sie nicht in die ausgewiesenen Orte der Theologie gegangen, in eine der vielen Hamburger Kirchen, Moscheen, Tempel, Gemeindehäuser?

Die Frage war für mich: Welcher Ort ermöglicht was? Kirchen oder Synagogen sind hervorragende Orte der Theologie. Sie geben Zugang zu Gott, indem sie das Vertraute vermitteln. Es gibt aber auch die irritierende, überraschende Gottesbegegnung. Dem überraschenden Gott komme ich nur auf die Spur, wenn ich die gewohnten Orte verlasse. Wirklich spannend wird es, wenn sich beides überkreuzt. 

Zum Beispiel? 

Zum Beispiel, wenn im Lockdown alles zu hat und die Leute in eine Kirche kommen. Weil man da ausruhen kann, seinen Akku aufladen und die Sachen trocknen kann. So habe ich es im Kleinen Michel beobachtet. 

Sie haben Jahre an dieser ungewöhnlichen Studie gearbeitet. Was ist bei Ihnen persönlich hängengeblieben? Was hat Ihre eigene Theologie verändert? 

Vorher haben mich die großen philosophischen und theologischen Denker interessiert, deren Schriften wollte ich verstehen. Das Forschungsprojekt hat mein ganzes Denken geerdet. Heute interessieren mich die wechselseitigen Verbindungslinien zwischen theologischen Konzepten und Alltagsrealität. 

Und zweitens: Ich bin sehr skeptisch geworden gegenüber einfachen Antworten. Wenn man näher hinschaut, merkt man, wie komplex und bunt die Welt ist. Und ich habe den guten Grund zur Annahme, dass der Schöpfer dieser Welt mindestens ebenso komplex und bunt ist. 

Interview: Andreas Hüser

Dr. Gerrit Spallek (33) war nach dem Studium in Osnabrück und Münster von 2014 bis 2020 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Katholische Theologie der Universität Hamburg. Zur Zeit arbeitet er als Pastoralassistent am Kleinen Michel in Hamburg. Seine Dissertation „Tor zur Welt? – Hamburg als Ort der Theologie“ mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Christine Büchner ist im Grünewald-Verlag in der Reihe „Theologie im Dazwischen“ erschienen. 55 Euro, ISBN-13 : 978-3786732471