25.09.2019

Hartes Herz oder Mitgefühl?

An diesem Sonntag ist Welttag der Migranten und der Flüchtlinge. Wie nah ist uns dieses Thema noch? Fragen an Erzbischof Stefan Heße: Als Flüchtlingsbeauftragter der Bischofskonferenz kennt er nicht nur die Situation zu Hause, sondern auch in den Ländern, aus denen Menschen fliehen müssen. 

Mai 2019: Erzbischof Heße besucht die Jewi Catholic Church St. John & St. Mathew im Jewi Refugee Camp in Gambella, Äthiopien
Mai 2019: Erzbischof Heße besucht die Jewi Catholic Church St. John & St. Mathew im Jewi Refugee Camp in Gambella, Äthiopien. Foto: © Deutsche Bischofskonferenz/Jörn Neumann

In seiner Botschaft zum Welttag des Migranten kritisiert Papst Franziskus eine „Globalisierung der Gleichgültigkeit“. Sind wir da gemeint? Schließlich hat Deutschland einiges für Flüchtlinge getan. 

Der Papst macht auf ein Phänomen aufmerksam, das viele von uns kennen: Je mehr wir mit Bildern des Schreckens konfrontiert werden, desto größer ist die Versuchung, sich einen Schutzschild zuzulegen, an dem die Not der anderen abprallt. Doch wer sein Herz verhärtet, schadet nicht nur den anderen, sondern auch sich selbst. Deshalb betont der Papst in seiner diesjährigen Botschaft: Es geht nicht nur um Flüchtlinge und Migranten – es geht auch um unsere Menschlichkeit. Mit Blick auf Deutschland wird man wohl sagen müssen, dass es bei uns beides gibt: beeindruckende Zeichen der Solidarität, aber eben auch Tendenzen der Hartherzigkeit. Gerade dann, wenn das gesellschaftliche Klima rauer wird, müssen Christen zeigen, dass sie an der Seite der Schutzsuchenden stehen. 

Die Bilder von 2015, als ankommende Flüchtlinge am Hamburger Hauptbahnhof lagerten und in vielen Kirchen Aufnahme fanden, sind fast schon vergessen. Was ist aus diesen Menschen geworden?

Auch mir haben sich diese Bilder eingeprägt. Einer der syrischen Flüchtlinge, die über die Balkanroute bis nach Hamburg gelangt sind, sagte mir: „Unter dem Dach der Kirche konnte ich zum ersten Mal seit Langem wieder ruhig schlafen.“ 2015 ist es gelungen, eine humanitäre Katastrophe in Europa zu verhindern. Innerhalb einer kurzen Zeitspanne hat Deutschland eine Million Menschen aufgenommen und versorgt. Ohne die vielen haupt- und ehrenamtlichen Helfer wäre das nicht möglich gewesen. Es freut mich, dass die „Willkommenskultur“ sich Schritt für Schritt zu einer „Integrationskultur“ weiter­entwickelt. Die allermeis­ten Flüchtlingskinder gehen hier ganz selbstverständlich zur Schule, eine große Zahl von Flüchtlingen lebt mittlerweile in regulären Wohnungen, über ein Drittel der Neuangekommenen hat eine Arbeitsstelle gefunden – mit steigender Tendenz. Das heißt nicht, dass es nicht auch Probleme gäbe. Aber gerade dann, wenn Katastrophenszenarien verbreitet werden, sollte man sich vor Augen führen, was bereits alles erreicht wurde – zum Wohle der Flüchtlinge und der gesam­ten Gesellschaft.

Angenommen, ich nehme die Worte des Papstes ernst. Ich will nicht gleichgültig gegenüber Hilfesuchenden sein. Was kann ich tun?

Die vielen Ehrenamtlichen, die in der kirchlichen und zivilgesellschaftlichen Flüchtlingshilfe aktiv sind, zeigen uns tagtäglich, was man tun kann: die Schutzsuchenden bei der Bewältigung des Alltags unterstützen, mit ihnen Freud und Leid teilen, ihnen ein Gefühl der Wertschätzung vermitteln und etwas Zeit schenken. Selbst wer nur eine Stunde pro Woche aufbringen kann, leistet einen wichtigen Beitrag.

Sie kennen von Ihren Reisen als Flüchtlings-Beauftragter auch die Situation von Flüchtlingen in den Herkunftsländern. Wie lässt sich diese Situation beschreiben? 

In öffentlichen Debatten entsteht manchmal der Eindruck, alle Flüchtlinge würden sich auf den Weg nach Europa machen. Das Gegenteil ist der Fall: Von den rund 71 Millionen Menschen, die derzeit auf der Flucht sind, befinden sich die meisten im eigenen Land oder in einem Nachbarstaat. Im Mai dieses Jahres war ich in Äthiopien – einem Land mit enormen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen, einem Land mit einer Million Geflüchteten aus dem Ausland und drei Millionen Binnenvertriebenen. In Äthiopien ist mir einmal mehr deutlich geworden, dass Migration und Flucht uns global herausfordern. Und gerade deshalb bedarf es auch globaler Lösungen. Wir dürfen die Herkunfts- und Aufnahmeländer in Afrika und im Nahen Osten nicht allein lassen.

Interview: Andreas Hüser

Veranstaltungs-Tipp:
Erzbischof Stefan Heße wird am Sonntag, 29. September um 19 Uhr im Haus der kirchlichen Dienste am St. Marien-Dom in Hamburg, Danziger Straße 64, von seiner Äthiopienreise berichten. Eingeladen sind alle Interessierten.