01.09.2021

Das Dreikönigshospiz in Neubrandenburg

Heimat für die letzten Tage

Vor 25 Jahren hat der Dreikönigsverein mit der Hospizarbeit begonnen. Ein Wagnis war das, aber die Arbeit wurde immer umfangreicher – zum Wohl von 3 000 Menschen, die in ihren letzten Tagen Helfer und Freunde gefunden haben.  

Regina Prachtl, langjährige Leiterin des Hospizes, und ihr Mann Rainer

Die Gründer-„Eltern“ der Hospizarbeit in Neubrandenburg: Regina Prachtl, langjährige Leiterin des Hospizes, und ihr Mann Rainer, Vorsitzender des Dreikönigsvereins. Foto: Stefan Sauer/dpa

„Wir müssen mehr für Sterbende tun.“ Als sie diesen Satz vor vielen Jahren von einer Ärztin hörte, konnte Regina Prachtl nur zustimmen. Und für sie war klar, was das hieß. Nicht abwarten und andere machen lassen, sondern selbst etwas tun. Und Regina Prachtl und der Neubrandenburger Dreikönigsverein taten etwas. Fünf Jahre nach seiner Gründung 1991 machte der Dreikönigsverein die Hospizarbeit zu seiner größten Aufgabe. 1996 begann dieser Einsatz, zuerst nur als ambulante Hospizarbeit. Das bedeutet: Sterbende werden von Ehrenamtlichen in der letzten Lebensphase begleitet. So wurden in 25 Jahren 1 000 Menschen betreut. 

2003 kam das stationäre Dreikönigshospiz dazu. Der Verein kaufte eine alte Villa in idyllischer Lage am Tollensesee. Er ließ daneben einen Neubau errichten, zehn helle, geräumige Zimmer mit Balkon oder Terrasse stehen jetzt den Gästen zur Verfügung. 29 Beschäftigte sind rund um die Uhr für die Sterbenden da, vom Altenpfleger bis zum Sozialarbeiter und Koch. Bezahlt wird das weitgehend von den Krankenkassen der Bewohner. Aber fünf Prozent der Kosten muss der Träger aufbringen, also der Dreikönigsverein. Das sind 50 000 Euro pro Jahr. Das Geld kommt aus Spenden, die über das Jahr eingehen und jeweils am Dreikönigstag am 6. Januar feierlich übergeben werden – Jahr um Jahr. 

Heute ist der Dreikönigsverein und sein Hospiz eine deutschlandweit bekannte Größe und Vorbild für soziale Arbeit mit vielen Verbündeten. Dabei haben sich die Neubrandenburger in den vergangenen 25 Jahren oft gefragt: „Können wir das überhaupt schaffen?“ Schon der Start des ambulanten Hospizdienstes 1996 war eine gewagte Sache. Ein stationäres Hospiz zu betreiben, erschien zuerst ein Traum. Und als die Stadt dem Verein die traumhafte Villa am See anbot, die aber mit sehr viel Geld renoviert und erweitert werden musste, sagte sich Regina Prachtl wieder: „Das schaffen wir gar nicht. Aber dann“, erzählt sie weiter, „haben wir von vielen Seiten Hilfe bekommen: von der Reemtsma-Stiftung, durch Förderung vom Land und Unterstützung von vielen Sponsoren.“ Als der Dreikönigsverein kürzlich die Presse in den sonnigen Park vor dem Hospiz zu einer Pressekonferenz einlud, musste Regina Prachtl allerdings klarstellen. „Es geht nicht zuerst um dieses schöne Haus. Das Haus ist nur ein Zusatzangebot für Menschen, die in ihrer letzten Lebensphase nicht zuhause bleiben können.“ 

Ein großer Teil der Hospizarbeit findet in vielen anderen Häusern im Raum Neubrandenburg statt. Dort sind heute 100 ausgebildete Hospizhelfer tätig. „Menschen wie sie und ich, die an Sterbenden einen Freundschaftsdienst auf Zeit leisten.“ Sie kümmern sich um Kinder, die früh aus dem Leben gerissen werden – und um Hundertjährige, die friedlich ans Ziel kommen. 

„Ich habe es im Leben noch nie so gut gehabt“

Viele Erlebnisse und Geschichten gäbe es über die gemeinsamen Tage zu erzählen. Etwa von dem Obdachlosen, der in das Hospiz einzog und ein Jahr blieb. „Er hat gesagt: Ich habe es noch nie so gut gehabt wie jetzt“, berichtete Regina Prachtl. „Dreimal stand er während des Jahres auf der Himmelsleiter, und kam dann doch wieder zurück.“ 

Seit Anfang des Jahres ist Beate Gogacz Geschäftsführerin sowohl für den ambulanten als auch für den stationären Hospizdienst. Sie war schon Vorstandsmitglied im Dreikönigsverein. Der Wechsel fiel in die Coronazeit – und dann führte ein Wasserschaden zur Schließung des Hauses für neun Wochen. „Wir haben diese Zeit aber gut genutzt“, sagt Beate Gogacz. „Wir haben jetzt ein grundsaniertes Wassersystem. Die Zeit des Umbaus haben wir mit intensiver Weiterbildung ausgefüllt.“ Ende Juli konnte das Haus wieder bezogen werden. Dank eines strengen Hygienekonzepts war es selbst während des Lockdowns möglich, dass die Angehörigen zu Besuch kommen konnten. 

Während die ambulante Begleitung oft längere Zeit dauert, ist der Aufenthalt im stationären Hospiz in der Regel kürzer. 2 000 Menschen haben dort ihr letztes Zuhause gefunden. Einige der Gäste sind nur wenige Stunden da, bevor sie sterben, andere bleiben länger als ein Jahr. „Viele Menschen entscheiden sich aus Unsicherheit zu spät, zu uns zu kommen“, sagt Beate Gogacz. Etwas Ähnliches beobachten die Begleiter von Sterbenden auch außerhalb ihrer Arbeit. Das Ende des Lebens, das Sterben und der Tod, ist eine Aussicht, die nur wenige Menschen an sich herankommen lassen. Daran denkt man lieber nicht. 

Vielleicht schafft der Dreikönigsverein mit seinem riesigen Netzwerk von Helfern, Sponsoren, Unterstützern ein Gegengewicht. Zum Dreikönigstag soll es wieder das große Benefizessen geben. Und schon vorher, so kündigte der Vereinsvorsitzende Rainer Prachtl an, kommt dazu ein prominenter Gast: In einer Dankveranstaltung am 29. Oktober wird der Benediktinerpater und Buchautor Anselm Grün zwei Vorträge in Neubrandenburg halten. Anmeldungen sind schon jetzt per E-Mail möglich:  dreikoenigsverein@t-online.de    

Text: Andreas Hüser