13.03.2019

Hilfe auf vier Rädern

Eine Erfolgsgeschichte: Seit dem Jahr 2008 ist das Zahnmobil, ein Projekt der Caritas, auf den Hamburger Straßen unterwegs. Ehrenamtlich tätige Ärzte aus der Hansestadt, aus Lübeck und Elmshorn behandeln Obdachlose und Bedürftige kostenlos.

Zahnärztin Dr. Karin Heimer mit Patient und Helferin im Zahnmobil der Caritas

Das Loch im Zahn ist schnell gefüllt: Zahnärztin Dr. Karin Heimer (li.) behandelt, assistiert von Anja Kleinschmidt, Norbert Kolienow im Zahnmobil.  Foto: Norbert Wiaterek

Hand aufs Herz: Zum Zahnarzt geht kaum jemand gerne. Schon der bloße Gedanke an den surrenden Bohrer im weit geöffneten Mund bringt die meis­ten Menschen zum Schwitzen. Dennoch sind die Schlangen vor dem Zahnmobil für Obdachlose, das durch Hamburg tourt, meist lang. In der rollenden Praxis ­wechseln sich ehrenamtlich tätige Zahnärzte mit der Behandlung von Obdachlosen und Bedürftigen ab. Das Zahnmobil ist ein Projekt der Caritas. Das Hamburger Spendenparlament sowie das Unternehmen CP Gaba/Elmex und weitere Geldgeber unterstützen.

Ein Patient ist Grzegorz (Name geändert) aus der polnischen Kleinstadt ­Walcz. Der junge Mann lässt sich im Mobil, das vor der Tagesstätte „Alimaus“ am Nobis­tor in Altona parkt, von Dr. Karin Heimer und der zahnmedizinischen Fachangestellten Anja Kleinschmidt behandeln. Grzegorz hat es sich auf dem Behandlungsstuhl bequem gemacht. Nach zwei Spritzen kreischt der Bohrer. Speichel wird abgesaugt. Kurze Zeit später ist der Zahn mit einer Kunststofffüllung verschlossen. „Gut, dass er nicht gezogen werden musste“, ist der seit einigen Jahren in Hamburg lebende Pole erleichtert.

Seit fast 20 Jahren kümmert sich Dr. Heimer um bedürftige Menschen, seit elf Jahren fährt die Dentistin im Zahnmobil mit. Der Bedarf sei im Laufe der Jahre größer geworden. „Die Leute bilden oft eine große Traube vor dem Bus. Viele sind ohne feste Bleibe, alkoholabhängig, haben abgenutzte oder kaputte Zähne und dadurch große Schmerzen. Sie sind schüchtern und ängstlich, trauen sich nicht, in normale Praxen zu gehen, weil sie sich schämen oder weil andere Ärzte sie nicht behandeln wollen. Oftmals sind das lange verschleppte Geschichten“, erzählt die Zahnärztin, die die Lebensläufe vieler Zahnmobil-Patienten trotz mancher Sprachbarrieren kennt.

Seit mehreren Jahren ist auch Anja Kleinschmidt dabei. Für sie ist diese Hilfe eine Herzensangelegenheit. „Ich mache das gerne. Die Menschen, denen wir helfen, sind sehr dankbar. Manchmal wollen sie mir sogar die Hand küssen.“ Leider sei es nicht immer möglich, die Löcher in den Zähnen zu füllen. „Meist ist eine Extraktion nötig.“

Einige Tage später: Das Zahnmobil steht auf dem Hof von „Herz As“, der Tagesaufenthaltsstätte für Wohnungslose in der Norderstraße. Dort behandelt Dr. Jan Uphoff, der eine Praxis in Harvestehude hat, assistiert von Zahnarzthelferin Melanie Wiegers, die Patienten und verteilt kostenlos Zahnbürs­ten und Zahnpas­ta. „Häufig sind die Zähne sehr stark zerstört“, so Dr. Uphoff. Das Leben „auf der Platte“ ist hart und ungesund. „Wir behandeln Menschen, die sich die Prophylaxe nicht leisten können“, sagt der Mediziner, der regelmäßig mit fehlenden Frontzähnen und riesigen Löchern in den Beißern konfrontiert ist. „Das ist nicht nur für den Körper eine Last, das geht auch auf die Psyche.“

Dr. Uphoff engagiert sich seit Jahren für die Bedürftigen. „Wir tun unser Bes­tes und nehmen die Menschen so an, wie sie sind. Jeder, der zwei gesunde Hände und zwei Füße hat, kann helfen und etwas für die Gesellschaft tun“, ist er überzeugt. „Ich finde es toll, dass es solche Projekte und niedrigschwelligen Angebote gibt. Auch die Hamburgische Bürgerschaft sollte mehr für Obdachlose machen, zum Beispiel sich um mehr Dusch- und Übernachtungsmöglichkeiten im Winter kümmern.“

Die Erfolgsgeschichte auf vier Rädern gibt es seit März 2008 in Hamburg – dank einer Anschubfinanzierung der Fernsehlotterie. Es war wahrscheinlich die bundesweit erste rollende Zahnarztpraxis für Obdachlose. „Damals waren wir schon mit dem Krankenmobil, das haus­ärztliche Behandlungen anbietet, unterwegs“, schildert Zahnmobil-Leiterin Christine Himberger. „Gelegentlich ist dort auch eine Zahnärztin mitgefahren, die die Leute mit ganz wenig Equipment direkt auf der Straße behandelt hat. Aus dieser Not heraus wurde die Idee für das Mobil geboren.“ Ein Projekt mit Vorbildcharakter: Es folgten weitere Zahnmobile in Deutschland. „Wir hatten mit sechs Ärzten angefangen“, berichtet Himberger. Aktuell seien etwa 30 Mediziner aus Hamburg, einer aus Elmshorn und einer aus Lübeck mit dabei. Viele der Ärztinnen und Ärzte sind bereits pen­sioniert, andere noch in einer Praxis tätig. Vier zahnmedizinische Fachangestellte, angestellt bei der Caritas, und zwei Fahrer gehören auch zum Team und helfen.

Für das Mobil mit vollwertig ausgestatteter Praxis wird ein fester Fahrplan aufgestellt. Es hält mehrmals pro Woche an unterschiedlichen Einrichtungen für Wohnungslose, derzeit an der „Alimaus“ und auf dem „Herz As“-Hof, außerdem an der Bahnhofsmission am Hauptbahnhof und am „Drob Inn“, der Kontakt- und Beratungsstelle am Besenbinderhof. Auch der Gerhart-Hauptmann-Platz in der City und der Harburger Rathaus-Platz dienten schon als Haltestelle. Die Termine stehen auf Flyern und im Internet.

Pro Tour können im Durchschnitt sechs bis acht Patienten behandelt werden. „Für die Mehrheit der Hilfebedürftigen ist ­dies die einzige Möglichkeit einer zahnmedizinischen Versorgung, denn sie sind nicht krankenversichert“, erklärt Himberger. Zu rund 90 Prozent versorgen die Teams Patienten mit akuten Schmerzen, ziehen Zähne oder setzen Füllungen. „Hinter den existenziellen Sorgen der Obdachlosen um Nahrung oder eine warme Übernachtungsmöglichkeit im Winter treten Aspekte wie Mundhygiene oder Probleme mit den Zähnen zurück – so lange, bis der Schmerz unerträglich wird. Dann kommen die Patienten zur Notfallbehandlung ins Zahnmobil“, heißt es von der Caritas.

Der Bedarf ist groß. Im Jahr 2017 (aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor) wurden im Zahnmobil 520 Männer und 164 Frauen behandelt. 402 Zähne mussten entfernt, 258 Füllungen eingesetzt werden. „Viele Patienten, deren Zähne oft so schlecht sind, dass man sie nur noch ziehen kann, stammen aus Osteuro­pa“, weiß Himberger..

Um die zahnmedizinische Präventionsarbeit bei Kindern und Jugendlichen – insbesondere aus sozial benach­teiligten Familien – zu stärken, fährt das Zahnmobil auch Schulen und Kindertagesstätten an. Bei diesen Einsätzen lernen Kinder die richtige Zahnpflege am Gipsmodell, dürfen mit dem Intra­oralscanner den eigenen Mund erkunden und auf dem Behandlungsstuhl Platz nehmen. „Auf diese Weise wollen wir Berührungsängste möglichst frühzeitig abbauen und die Kinder für die Bedeutung der Mundhygiene sensibilisieren“, betont Caritas-Sprecher Timo Spiewak.

Im Jahr 2016 wurde das Versorgungs­angebot durch eine Zahn­ambulanz im Gesundheitszentrum St. Pauli, Seewartenstraße 10, erweitert. Dort kann auch geröntgt werden. Die Terminvergabe für die Ambulanz erfolgt über das Zahnmobil.
Weitere Infos unter www.zahnmobil.de

Text u. Foto: Norbert Wiaterek