15.08.2018

Hoffnungsträger für Tausende

Der eritreische Priester Mussie Zerai ist ein einflussreicher Mann. Flüchtlinge, die seine Telefonnummer hatten, durften auf Rettung hoffen. Bei einem Besuch in Hamburg erzählt er davon, warum die Menschen aus Afrika fliehen.

Mussie Zerai vor dem Hamburger Mariendom
Der eritreische Priester Mussie Zerai bei seinem Besuch in Hamburg.  Foto: Andreas Hüser

Mussie Zerai ist auf dem ganzen Mittelmeer ein bekannter Mann. Seit seine Telefonnummer unter Flüchtlingen verbreitet wurde, hat der katholische Priester aus Eritrea unzähligen Menschen geholfen und vielen das Leben gerettet. Jetzt war er zu Besuch in Hamburg. 

Nach einer Rangliste, die das amerikanische Magazin Time jedes Jahr aufstellt, gehörte Mussie Zerai 2016 zu den „100 einflussreichsten Menschen der Welt.“ Einflussreich, wenn nicht sogar lebenswichtig war der katholische Priester lange für Flüchtlinge, die von Afrika über das Mittelmeer nach Italien wollten. „Vater der Flüchtlinge“ wird Mussie Zerai genannt. Er wurde zum Lebensretter, weil er aus Eritrea stammt, wo viele Flüchtlinge aufbrechen. 

In einem Jahr hat der Priester drei Telefone verschlissen

Und weil er im Jahr 2003 einmal seine Mobiltelefonnummer einem italienischen Journalisten verraten hat. Der Reporter gab die Nummer an eri­treische Flüchtlinge in Äthiopien weiter. Diese teilten sie anderen mit. In einem Flüchtlingslager in Libyen schrieb jemand die Nummer an die Wand. Danach kannte sie so gut wie jeder. Und wenn ein Flüchtlingsboot auf dem Meer zu kentern drohte, riefen die Schiffbrüchigen, die das noch konnten, diese Nummer an. Sie war ihre letzte Rettung. Mussie Zerai gab dann die Orts-Koordinaten des sinkenden Schiffes an die italienische Küstenwache weiter. Viele afrikanische Flüchtlinge blieben deshalb am Leben. „Damals klingelte mein Telefon den ganzen Tag“, erzählt Vater Zerai. „In einem Jahr habe ich drei Telefone verschlissen.“ 

Heute ist der 43-jährige Pries-ter nur noch selten als telefonischer Retter gefragt. Weil die Kommunikation über andere Kanäle wie WhatsApp läuft. „Und Sie kennen ja selbst die Lage. Die Europäer haben ihre Häfen dicht gemacht. Aber das verbessert nicht die Lage der Flüchtlinge.“ Denn heute stauen sie sich in verschiedenen Lagern in den Ländern Nordafrikas. Das Schlepperwesen sei dadurch nicht eingedämmt. „Die Flüchtlinge müssen nur länger warten. Es ist teurer geworden und gefährlicher.“
Allein die Zustände in den nordafrikanischen Lagern – „Libyen ist für viele die Hölle“ – seien kaum zu ertragen. Es gebe Korruption, Gewalt, sexuelle Übergriffe. „Die Frauen trifft es am schlimmsten“.

Vor einer Woche hat Mussie Zerai seine katholischen Landsleute in Hamburg besucht. Er kam aus Rom, in seiner neuen Funktion als Beauftragter für die eri­treisch-katholischen Gemeinden in Eu-
ropa. 150 000 katholische Eritreer leben heute in Europa. In den Großstädten in England, Schweden, in der Schweiz, aber auch in Deutschland haben sich mittlerweile Gemeinden gebildet; auch in Hamburg, wo die eritreische Gemeinschaft 250 aktive Gläubige zählt. Der Priester kennt die Gemeinde schon. Er ist nicht zum ersten Mal in der Hansestadt. „Der Gottesdienstbesuch ist sehr gut, es sind sehr gläubige und engagierte Menschen“, so ist sein Eindruck. „Aber sie brauchen auch Begleitung durch Seelsorger.“ Bislang gibt es zwei eritreisch-katholische Priester in Deutschland, in Frankfurt und in Stuttgart. Der Wunsch ist, eine Gemeinschaft von Ordensfrauen an der Elbe anzusiedeln. Mit Priestern wird es schwieriger. „Allein deshalb, weil katholische Priester unter 50 Jahren gar kein Ausreisevisum bekommen.“ 

Junge Männer müssen auf unbestimmte Zeit Wehrdienst leisten

Noch immer herrscht in Eritrea ein Regime, das vor allem junge Leute zur Flucht drängt. Der 20 Jahre dauernde Bürgerkrieg zwischen Eritrea und Äthiopien hat den Vorwand dafür geschaffen, dass junge Männer fast unbegrenzt und auf unbestimmte Zeit zum Wehrdienst eingezogen werden können, „manchmal für zehn oder 14 Jahre, ohne Bezahlung“. Die Unterdrückung der Rechte ist der Grund, weshalb Eritreer aus ihrem Land verschwinden. Zerai: „Es gibt keine Verfassung, keine Religionsfreiheit. Niemand weiß, ob er überhaupt Rechte hat.“ 

Seit einem Monat gibt es Hoffnung, dass sich etwas in Eritrea ändert. Vor einem Monat haben die Staaten von Eritrea und Äthiopien ihre 20-jährige Feindschaft beendet und diplomatische Beziehungen aufgenommen. Das könnte den Knoten zerschlagen, hofft der Seelsorger. Es könnte in Eritrea mehr Öffnung, mehr Rechte, weniger Zwangsmaßnahmen bedeuten, vielleicht sogar eine Demokratisierung. „Bislang gibt es zwar mehr Flugverbindungen, aber viel geändert hat sich nicht. Wir alle träumen von einem demokratischen, rechtsstaatlichen, freien Eritrea. Wir träumen davon seit 50 Jahren.“ 

Mussie Zerai hat eine genaue Vorstellung, was sich ändern muss

Was wünscht der Eritreer, einer der 100 einflussreichsten Männer der Welt und Träger des Menschenrechtspreises von „Pro Asyl“, von der europäischen Politik? „Die Grenzen dicht zu machen, ist keine Lösung. Je restriktiver die Politik ist, umso mehr wird das Fenster geöffnet für die Schleuser.“ 

Wie eine gute Flüchtlingspolitik in Europa aussieht, davon hat der in Rom aufgewachsene Priester klare Vorstellungen. „Wir brauchen drei Schritte. Ers-tens: Verbesserung der Situation in den Herkunftsländern. Da liegt die Wurzel des Problems. Wenn die Leute in ihrer Heimat Schutz und Perspektiven haben, dann werden sie nicht weggehen.“ Zweitens: Bessere Lebensbedingungen für Flüchtlinge in den angrenzenden Ländern Afrikas. „Nur weil es den Geflohenen in den Nachbarländern noch schlechter geht, wandern sie weiter und wollen am Ende nach Europa.“ Und drittens: „Wir brauchen legale Zugänge, etwa für nachziehende Familienmitglieder, oder für Studenten. Einen Zugang nicht für jeden, aber für diejenigen, die ihn brauchen.“

Text u. Foto: Andreas Hüser