14.04.2021

Jede Menge Gesprächsbedarf

Die Hamburgerin Melanie Giering gehört zu den 230 Delegierten des Synodalen Weges. Sieben davon kommen aus dem Erzbistum Hamburg. Melanie Giering hat mit ihnen gesprochen und wird sie in fünf Interviews vorstellen. Zum Auftakt beantwortet sie selbst Fragen zur Person. Wer ist sie und was will sie? 

Melanie Giering
Melanie Giering ist mit 19 Jahren eine der jüngsten Deligierten des Synodalen Weges.  Foto: Matthias Schatz

Die Synodalversammlung besteht aus Bischöfe, Prälaten, Theologen, Vertretern von Verbänden und Gremien und so weiter. Sie dagegen, Frau Giering, haben noch keine Kirchenkarriere hinter sich und gehören mit 19 Jahren zu den jüngsten in der Versammlung. Wie sind die auf Sie gekommen? 

Umgekehrt. Ich bin auf die gekommen. Man konnte sich beim BDKJ bewerben auf einen von 15 Plätzen, die für junge Menschen reserviert waren. Es gab einen Fragebogen zu Hintergrund und Motivation, den habe ich mit viel Mühe ausgefüllt. Das alles war eher eine spontane Aktion, aber erfolgreich. 

Was ist denn der „Hintergrund“ bei Ihnen? 

Ich komme aus der Gemeindearbeit von Sankt Bernard in Hamburg-Poppenbüttel. Da bin ich aufgewachsen, und immer mehr in die Jugendarbeit ’reingerutscht. In die Firmvorbereitung – wir haben sehr viele Firmanden und ein sehr junges Team von Katecheten. Ich bin im Jugendrat der Gemeinde und leite die Band und bin auch in der Messdienerarbeit dabei. 

Die anderen Jugend-Delegierten kommen aus Münster, Paderborn, Freiburg und so weiter. Ist man anders, wenn man aus Hamburg kommt? 

Ich glaube, man ist ganz anders aufgewachsen. Anders als die anderen 14, die ich kennengelernt habe. In meinem Umfeld spielten religiöse Gepflogenheiten keine große Rolle. Als Kind war ich noch nicht einmal sehr oft in der Kirche. Das änderte sich, als ich nach meiner Erstkommunion Messdienerin wurde. Die anderen sind zwar auch sehr liberal und tolerant und wollen Reformen – aber in manchen Dingen sind sie traditionsbewusster. Die anderen kennen Gebete oder Bräuche, von denen ich noch nie gehört habe. 

Wo ist Ihnen das aufgefallen? 

Zum Beispiel im großen Eröffnungsgottesdienst in Frankfurt. Da habe ich mich dann auch plötzlich als Kommunionhelferin wiedergefunden, obwohl ich das in meiner Gemeinde gar nicht bin. Es gibt Fotos, wie ich dem Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer die Kommunion reiche. Das war schon merkwürdig. Aber es ist ja auch ein gutes Statement, dass es da keine Rangordnung gab. 

Es ging gut los, aber dann wurde alles gestoppt wegen Corona. Wie läuft es jetzt weiter? 

Nach der Auftaktversammlung   im Januar gab es im September 2020 fünf Regionalversammlungen in fünf Gruppen in fünf Städten. Wir haben da die Texte zweier Foren diskutiert. Nach einer weiteren längeren Pause war im Februar dann eine zweitägige Videokonferenz mit einem Austausch und Zwischenständen – einfach dass man sich sieht und weiß: Es geht noch weiter.  

Zwei Tage Videokonferenz, das stelle ich mir sehr anstrengend vor. 

Ja, aber man konnte von Zuhause teilnehmen. Und die zwei­tätige Eröffnungsversammlung in Frankfurt war noch anstrengender. Man musste viele Leute kennenlernen, sich vernetzen, Kontakte knüpfen.

Wie sehen Sie Ihre Rolle im Synodalen Weg. Was möchten Sie da bewegen? 

Mir stellt sich immer die Frage, für wen ich im Synodalen Weg bin. Ich sitze da zwar als Vertreterin der jungen Menschen, aber ich vertrete keine Jugend­organisation. Ich bin jung. Ich bin eine Frau und vertrete damit auch Frauen. Ich komme aus einer Stadt und einer Umgebung, in der Kirche völlig irrelevant ist. Und: Ich komme aus der Gemeindearbeit. In meiner Gemeinde sind alle sehr engagiert, aber Kirchenpolitik spielt bei uns keine Rolle. Am Anfang wusste ich gar nicht, was ich in der großen Versammlung zu sagen habe.

Und jetzt? Was sagen Sie? Was muss sich verändern, was muss kommen? 

Ich glaube, wir sind nicht dazu da, die Kirche vor dem Untergang zu retten. Es werden weiter Menschen aus der Kirche austreten, egal, was der Synodale Weg bringt. Aber für die, die bleiben, haben wir eine Verantwortung. Wir müssen Machtstrukturen aufbrechen, die bestimmte Gruppen von Menschen diskriminieren. Das finde ich schlimm, weil das ja Menschen trifft, die an der Kirche hängen. Muss die Kirche Menschen vorschreiben, wie sie zu leben haben? Muss der verpflichtende Zölibat sein? Ich kenne nicht alle theologischen Hintergründe, aber warum entscheidet nicht jeder selbst, ob er heiratet oder nicht? Für mich ist es der Sinn von Kirche, da zu sein und Nächstenliebe zu mitzuteilen. Und sie sollte sich immer wieder kritisch hinterfragen, die Gesellschaft um sich ernst nehmen.  

Im Synodalen Weg findet sich eine Kirche wieder, die in sich gespalten ist und wo Gegensätze aufeinander prallen. Das wird sich zunächst nicht ändern. Was, glauben Sie, kommt im günstigsten Fall beim Synodalen Weg heraus?

Auf jeden Fall kommt hoffentlich heraus, dass ein solcher Weg nie zu Ende ist. Ich fand es von Anfang an befremdlich, dass der Prozess auf zwei Jahre begrenzt war. Deshalb finde ich es gar nicht schlecht, dass es Unterbrechungen gab. Sonst wären wir jetzt schon bei der vorletzten Sitzung. So hatten wir viel Zeit, miteinander zu reden. Denn es gibt sehr viel Redebedarf. 

Irgendwann kommt aber der Punkt der Entscheidung. Wir werden nicht wirklich alle Meinungen auf einen Nenner bringen und nicht alle zufrieden stellen können. Wir müssen uns für bestimmte Positionen entscheiden. 

Dieses Interview ist Auftakt zu einer Reihe von Interviews, die sie selber für diese Zeitung machen. Sie haben mit allen Synodalteilnehmern aus dem Norden gesprochen. Kannten Sie sich vorher schon untereinander? 

Leider kannte ich die anderen bisher nur vom Sehen, richtig miteinander gesprochen hatten wir noch nicht. Dabei fühle ich mich mit denen verbunden. Ich war sehr gespannt auf diese Interviews. Für mich waren die bisherigen Gespräche sehr bereichernd. Und ich war positiv überrascht, wie deutlich sich einige geäußert haben. Das war für mich bestärkend und ermutigend. 

Interview: Andreas Hüser