01.07.2020

Leider im Trend

Jahrelang war das Erzbistum Hamburg vom Negativtrend der deutschen Kirchen verschont. Das ist nicht mehr der Fall. Im vergangenen Jahr gab es im Norden so viele Kirchenaustritte wie noch nie. 

Kirchenbesucher in den Bänken (Draufsicht)
Das Bild ist inzwischen schon ungewohnt: Menschen, die dicht an dicht in einer Kirchenbank sitzen. Foto: Marco Heinen

Vor allem in den Städten hat die katholische Kirche im vergangenen Jahr Mitglieder durch Austritt verloren: 450 Austritte in Kiel, 230 in Rostock, 962 im Pastoralen Raum Hamburg-City. Die Austrittswelle hat auch vor dem Norden nicht Halt gemacht. 8 360 Kirchenaustritte in einem Jahr. Das hat es seit Bistumsgründung nicht gegeben. Und während in den vergangenen Jahren die Zahl der Katholiken im Erzbistum gestiegen ist, geht die Kurve seit 2017 steil nach unten. 

Grund sind einmal die Kirchenaustritte, aber auch die Überalterung. Die Kirche wird älter, dadurch gibt es mehr „Abgänge“ durch Tod. Und da auch immer weniger Kinder getauft werden, gibt es auch wenig Neuzugänge. „Von 2009 bis 2017 haben die Zuzüge in die Metropolre­gion Hamburg noch für steigende Zahlen gesorgt“, sagt Uwe Möller, Leiter des Fachreferats Meldewesen im Erzbistum Hamburg. „Wir waren nah an der Marke von 400 000 Mitgliedern oder darüber. Davon müssen wir jetzt nicht mehr reden.“ 

Erzbischof Heße setzt auf Reformprozess

Die Jahresstatistik, die Uwe Möller in jedem Sommer vorlegt, bietet nicht viel Positives. Weniger Gottesdienstbesucher, weniger Gottesdienste, weniger Taufen, Erstkommunionen und Trauungen, höherer Altersdurchschnitt als im Vorjahr. Dass die Bindung der Gläubigen an das kirchliche Leben geringer wird, zeigt die Entwicklung der Gottesdienst-Teilnahme. Die Zählung der Kirchgänger an zwei Sonntagen im Jahr ergab: 7,71 Prozent der Mitglieder war 2019 im Sonntagsgottesdienst zu finden. „Im Jahr 200 waren es noch fast doppelt so viele: 13,4 Prozent“, sagt Uwe Möller. 

Stabil geblieben ist nur die Zahl der Bestattungen. Das einzige, was diesen Befund vielleicht abmildert, ist die Beobachtung: Anderswo sind die Zahlen auch nicht besser. Auch das Erzbistum Berlin, das gemeinsam mit Hamburg noch lange dem Negativ­trend trotzen konnte, verzeichnet Rückgänge. „Auch wir leiden unter der Vertrauenskrise, in der die katholische Kirche in Deutschland steckt“, so erklärt Erzbischof Stefan Heße die aktuellen Zahlen. „Ich setze große Hoffnungen in den Reformprozess auf Bundesebene und auf eine verstärkte Kommunikation im Erzbistum, um diesem Negativ­trend entgegenzuwirken.“

Allerdings ist nicht nur die katholische Kirche in Deutschland von der Negativentwicklung betroffen. Die Nordkirche hat im vergangenen Jahr 2,4 Prozent ihrer Mitglieder verloren. Das ist noch etwas mehr als das Erzbistum Hamburg (2 Prozent). 

Das bedeutet auch: In allen drei Bundesländern des Bistumsgebiets (Schleswig-Holstein, Ham­burg, Mecklenburg-Vorpommern) bilden die Christen – genauer gesagt: die Mitglieder der beiden größten Kirchen) heute eine Minderheit. In der Hansestadt Hamburg gehört nur noch ein Drittel der Einwohner einer Kirche an. 24,3 Prozent der Hamburger sind evangelisch, 9,63 Prozent katholisch. In Schleswig-Holstein gibt es immerhin noch einen großen Sockel von 43,3 Prozent (knapp 6 Prozent Katholiken). In Mecklenburg Vorpommern hat sich die Kirche zahlenmäßig nie von den Folgen der religiösen Repression in der DDR erholt. Die evangelische Kirche verzeichnet in Mecklenburg-Vorpommern noch 14 Prozent Mitglieder, der Anteil der Katholiken (Mecklenburg) beträgt 2,47 Prozent.

Die Jahresstatistik ist auf den Internetseiten des Erzbistums (www.erzbistum-hamburg.de) dokumentiert.

Text: Andreas Hüser