12.09.2019

Gebet, Austausch, Seelsorge – die Online-Gemeinschaft "Lingualpfeife"

Mit dem Handy dabei

 Ludwig Martin Jetschke startete mit Orgelvideos im Internet. Daraus entstand die Online-Gemeinschaft „Lingualpfeife“. Gebet, Austausch, Seelsorge – all das gehört dazu. Immer öfter ist die Netzgemeinde auch in der realen Welt aktiv.

Foto: Katharina Gebauer
Mit Orgelvideos fing es an: Ludwig Martin Jetschke filmt sich beim Musizieren und stellte die Videos unter dem Namen Lingualpfeife online. Foto: Katharina Gebauer

2012 fing alles an. Ludwig Martin Jetschke, begeisterter Kirchenmusiker, filmte sich, wenn er an der Orgel musizierte. Die kurzen Videos stellte er ins Internet auf die Videoplattform Youtube. Er selbst nennt sich dort Lingualpfeife, nach seinen Lieblingsorgelpfeifen.

Zu Anfang wurde sein Youtube-Kanal nicht sonderlich beachtet. Das änderte sich, als im Dezember 2013 das neue Gotteslob eingeführt wurde. „Es gab damals einen massiven Bedarf an Unterstützung. Das Orgelbuch für Kirchenmusiker war noch nicht erschienen und viele fragten mich um Hilfe, wie sie bestimmte Lieder begleiten sollen“, erinnert sich Jetschke. Heute hat er allein auf Youtube 15 000 Nutzer.

Und die Netzgemeinde der Lingualpfeife wächst weiter. Mittlerweile ist Jetschke auf fast allen Plattformen der sozialen Medien unterwegs: Er schreibt Beiträge für Facebook und Twitter, stellt Fotos bei Instagram online und diskutiert öffentlich religiöse Themen per Videokonferenz auf Youtube. Außerdem haben sich Gruppen zu Kirchenmusik, Liturgie und religiösen Themen gebildet, die sich per Whatsapp austauschen. Unterstützt wird Jetschke seit zwei Jahren von einem ehrenamtlichen Team aus rund 30 Nutzern in ganz Deutschland. Sie schneiden Videobeiträge, kümmern sich um die Technik, beantworten E-Mails oder sorgen für neue Beiträge auf den Onlineplattformen.

Foto: Katharina Gebauer
Kirchenmusiker und Lehramtsstudent: Ludwig Martin Jetschke. Foto: Katharina Gebauer

Längst geht es nicht mehr nur um Kirchenmusik und Liedpläne. Die Menschen haben Fragen zur Liturgie, zu Ritualen im Gottesdienst oder zum persönlichen Gebet. Jetschke, der katholische Theologie und Germanistik auf Gymnasiallehramt studiert, versucht, die Zusammenhänge so gut wie möglich zu erklären. 

Als er kürzlich die Bischofsweihe von Christian Würtz in Freiburg live auf seinem Youtube-Kanal kommentierte, machten sich einige Nutzer Sorgen, als der Bischof sich lang auf den Boden legte. „Dann erkläre ich, dass dem Bischof nicht etwa, wie vermutet, schlecht wäre, sondern dass das zur Weihe gehört. Es ist das Zeichen, dass er sich ganz in die Hände Gottes begibt“, sagt Jetschke.

Vor allem junge Menschen mischen auf den Internetkanälen mit. Sie interessieren sich für den Glauben, sind auf der Suche nach Spiritualität und Gott, fühlen sich aber in der Kirche nicht zu Hause. Häufig erfährt Jetschke bei dem schriftlichen Austausch auch Persönliches. Die Leute erzählen ihm von ihren Sorgen und Problemen, von Krankheiten und schwierigen Lebensphasen. „Das Internet ist nicht nur dazu da, lustige Bilder zu posten. Das ist ein echter pastoraler Raum. Das muss die Kirche noch erkennen“, sagt der 30-Jährige. Er würde sich freuen, wenn sich zum Beispiel Ruhestandspfarrer bei ihm melden würden. „Die Nachfrage nach echter seelsorglicher Hilfe im Internet ist riesig. Da könnte unser Community-Pfarrer Andreas Demel noch Unterstützung gebrauchen“, sagt Jetschke.

Nutzer beten regelmäßig das Stundengebet

Oft beten die Nutzer auch gemeinsam. Täglich trifft sich eine Handvoll zum Stundengebet per Videokonferenz bei Skype. In einem der Internetforen sei einmal die Frage aufgetaucht, was eigentlich das Stundengebet sei und ob man das nicht ausprobieren könne, erzählt Jetschke. „Jetzt beten wir täglich Laudes, Vesper und Komplet. Am Anfang war es etwas ruckelig und schwierig, aber mittlerweile ist diese Gebetsform für einige zu einer echten Herzenssache geworden.“ 

Als die Pariser Kathedrale Notre-Dame brannte, haben er und sein Team spontan ein Gebet im Internet organisiert. „Online kann man direkt auf Ereignisse reagieren“, sagt Jetschke. „Wir holen die Leute mit ihrem Smartphone in der Hosentasche ab.“ Fünf Stunden lang beteten sie, 10 000 Menschen klickten auf ihre Seite. „Es war unfassbar wohltuend. Man hatte das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun.“ 

Ebenso kamen über Jetschkes Internetgemeinschaft 1000 Nutzer zum Online-Rosenkranzgebet zusammen, als der emeritierte Würzburger Bischof Paul-Werner Scheele im Sterben lag. „Das Internet hat ein riesiges Potenzial. So schnell und spontan bekomme ich keine Kirche gefüllt“, sagt Jetschke, der aus dem Bistum Würzburg stammt und Scheele persönlich kannte. „Und wir beten hier. Wir reden nicht nur über die Kirche, wir vollziehen sie in ihren Grundzügen.“

Die Nutzer sind nicht nur im Internet aktiv: Virtuelle und reale Welt verknüpfen sich häufig. Wenn ein regelmäßiger Schreiber tagelang schweigt, dann erkundigen sich andere, ob mit ihm alles in Ordnung ist. „Da ist ein richtiges Wir-Gefühl entstanden“, sagt Jetschke. Genauso würden Nutzer sich auch im Krankenhaus besuchen oder einfach auf einen Kaffee treffen. Jetschke sagt: „Ich glaube, mittlerweile könnte ich in jeder Stadt in Deutschland auf einer Couch übernachten, so viele Leute habe ich über die Lingualpfeife kennengelernt.“

 

Zur Sache

Infos finden Sie auf der Internetseite www.lingualpfeife.de oder unter dem Stichwort Lingualpfeife auf Facebook, Twitter, Youtube und Instagram. Wenn Sie der Whatsapp-Community beitreten möchten, schreiben Sie die Nachricht #LinguOn an die Telefonnummer 01 59 02 23 70 81. Dort können Sie wählen, ob Sie über neue Orgelvideos, Liedpläne und Musiktipps oder über aktuelle Themen zu Glaube und Liturgie informiert werden wollen. 
Anfang Oktober findet ein LinguSpecialMeet in Würzburg statt. Die Teilnehmerzahl dafür ist begrenzt. Weitere Infos finden Sie hier.

Von Kerstin Ostendorf