01.09.2021

Aus dem Pastoralen Raum Niendorf-Lurup wird im Januar die Pfarrei Heilige Josefina Bakhita

Neugier hilft, Akzente zu setzen

Aus dem Pastoralen Raum Niendorf-Lurup wird im Januar die Pfarrei Heilige Josefina Bakhita. Doch wer war die schwarzafrikanische Ordensfrau, die hier kaum jemand kennt? Und warum wurde sie als Namensgeberin gewählt?

Josefina Bakhita

Vergab ihren Peinigern, die sie versklavten: die aus dem Sudan stammende Josefina Bakhita. Foto: Archiv

„Es ist gut, dass die Leute nachfragen, wer das eigentlich war“, sagt Pfarrer Ulrich Krause in seinem unverkennbar norddeutschen Timbre. Im Pastoralen Raum Lurup-Niendorf, zu dem die Gemeindeorte St. Ansgar, St. Gabriel, St. Jakobus und St. Thomas Morus zählen, habe man auch erst einmal recherchieren müssen, wer Josefina Bakhita gewesen sei. Erzbischof Stefan Heße sei auf die von Papst Johannes Paul II. im Jahr 2000 heilig gesprochene Ordensfrau der Canossianerinnen bei einer Reise nach Äthiopien gestoßen. Bald darauf habe er sie als Namensgeberin für die Pfarrei vorgeschlagen, die im Januar aus diesem Pastoralen Raum entstehen werde. Zur Debatte als Namensgeberinnen standen ferner Birgitta von Schweden und Mutter Teresa. „Der Erzbischof war sehr erfreut, dass sich der Gemeinsame Ausschuss mit absoluter Mehrheit für Bakhita aussprach“, berichtet Krause weiter. Erstmals erhält damit eine Hamburger Pfarrei den Namen einer schwarzafrikanischen Heiligen.

Name steht auch für die Völkervielfalt der Pfarrei

„Wir wollen damit auch neue Akzente setzen“, führt Krause aus. Und dabei helfe die Neugier, die der hierzulande weitgehend unbekannte Name auslöst. „Selbst die evangelischen Nachbargemeinden fragen nach“, freut sich Krause. Schaut man in das Konzept des Pastoralen Raums Nien­dorf-Lurup, so stellt man fest: Eben diese Neugier und das damit verbundene Vertrautmachen mit Neuem waren schon ein Grund für diese Namenswahl. Die Gründung der Pfarrei selbst bedeute, sich mit „neuen Möglichkeiten und auch Einschränkungen“ vertraut zu machen. Und das heiße auch mit Menschen, die neu zu den Gemeinden stoßen. So stehe Bakhita „für die Völkervielfalt“ der Pfarrei, zu der viele Geflüchtete zählen. Eine besondere Beziehung besteht dabei überdies zu Schwarzafrika, beherbergt doch die Gemeinde St. Gabriel die togolesische Mission. 

Josefina Bakhita wurde 1869 gleichwohl nicht in der ehemaligen deutschen Kolonie geboren, sondern in Olgossa, einer sudanesischen Ortschaft nahe der Grenze zum Tschad. Ihr Vater war Bruder des Dorfhäuptlings. Im Alter von neun Jahren verschleppten arabische Sklavenhändler sie und nannten das Mädchen „Bakhita“, was so viel bedeutet wie „die Glückliche“ oder „Glück gehabt“. Das war purer Zynismus, denn die Entführung und der mehrfache Verkauf waren ein Trauma, das sie ihr Leben lang nicht wirklich los wurde. Weit mehr als 100 Narben wurden ihr zugefügt, auch als Kennzeichnung des „Besitzers“. 

Doch dann sollte Bakhita wirklich einmal Glück haben. Ein italienischer Konsul kaufte sie in Khartoum, „lieh“ sie einem Freund aus, der sie im Kloster der Canossianerinnen in Venedig unterbrachte, als er mit seiner Familie aus geschäftlichen Gründen ans Rote Meer zog. Und als er sie drei Jahre später zurückhaben wollte, verwehrte ihm die Ordensoberin den Wunsch. Schließlich zog er vor Gericht. Doch das verwies darauf, dass die Sklaverei in Italien und im Sudan abgeschafft worden sei. Bakhita war frei – und konvertierte zum Katholizismus. Doch ihr Wunsch, dem Orden beizutreten, stand ihre Hautfarbe wieder entgegen. Erfüllt wurde er schließlich Dank des Einsatzes von Domenico Agos­tini, seinerzeit Kardinal von Venedig, im Jahr 1893. 1902 wurde Bakhita, die nun auf den Namen Josefina Margarita Fortunata hörte, in ein Kloster nach Schio am Fuß der Alpen versetzt, wo sie als Köchin und Pförtnerin bis zu ihrem Tod 1947 wirkte. 

Josefina Bakhita ist nicht nur Patronin des Sudan, sondern auch die Schutzheilige versklavter Menschen. „Auch heute gibt es Sklaven, auch bei uns“, heißt es dazu im Konzept der künftigen Pfarrei. „Sie stammen heute aus Osteuropa und arbeiten in Pflegeberufen oder in Fleischfabriken.“ Und manch einer sei auch Sklave seiner Arbeit oder seines Hobbies. 

„Hauptgrund ist das soziale Engagement“

Als Hauptgrund für die Namensnennung nennt Pfarrer Krause aber Bakhitas „großes soziales Engagement“. Sie habe sich um die Ärmsten der Armen gekümmert. Sie könne auch „für unser zukünftiges Hauptarbeitsfeld, die Diakonie, stehen“, heißt es dazu weiter im Pfarreikonzept. Für dieses Engagement steht in der Pfarrei unter anderem der Hilfsverein St. Ansgar, der von Mitgliedern der gleichnamigen Gemeinde 1993 gegründet wurde ist und die Alimaus, eine Tagesstätte für obdachlose und bedürftige Menschen in Altona. Ebenfalls zur neuen Pfarrei zählt dann der Verein Pathardi, der seit gut 30 Jahren Patenschaften für sozial benachteiligte Kinder in Indien vermittelt.

Josefina Bakhita habe „nicht die Möglichkeit gehabt, etwas besonders Großartiges zu leisten“, könne den Menschen aber nahe sein, weil sie trotzdem eine heilige Frau sei, begründet der Gemeinsame Ausschuss weiter die Namensgebung. Gleichwohl ist sie noch zu Lebzeiten eine Berühmtheit geworden. Denn der Orden erkannte ihr besonderes Charisma und regte sie an, ihre Erlebnisse niederzuschreiben. Nach der Veröffentlichung ihrer Autobiografie reiste sie durch ganz Italien. Ihre letzten Lebensjahre waren freilich von Krankheit und Schmerzen geprägt – und von den Erinnerungen an das Trauma ihrer Sklaverei. „Bitte lockert die Ketten, sie sind so schwer“, soll sie zu der Schwester gesagt haben, die sich um sie kümmerte.

Text: Matthias Schatz