10.08.2022

Nicht nur Festivalstimmung

Seelsorger auf dem Heavy-Metal-Festival „Wacken Open Air“ hatten in diesem Jahr mehr zu tun als in früheren Jahren. Viele Fans fühlten sich in der Menschenmenge urplötzlich einsam, berichtet Diakon Lutz Neugebauer.

gehörten zum Seelsorge-Team beim Wacken Open Air. Sie zeigen die „gehörnte Hand“, den unter Metalfans gebräuchlichen – und nicht ganz ernst gemeinten – „Teufelsgruß“. | Foto: Junge Nordkirche/Christian Landmann

VON MICHAEL ALTHAUS

In Wacken im Kreis Steinburg herrschte am ersten Wochenende im August erstmals nach zweijähriger Corona-Pause wieder der Ausnahmezustand: Mehr als 83 000 Besucher waren zum Wacken Open Air (WOA), einem der größten Heavy-Metal-Festivals der Welt, in das 1 800-Einwohner- Dorf gereist. Auf den Äckern, wo sonst die Kühe weiden, hatten sie ihre Zelte aufgeschlagen und feierten zu harten Klängen von Bands wie Judas Priest, Slipknot und In Extremo.

„Viele Menschen sind froh, endlich wieder Party machen zu können“, erläuterte der katholische Diakon Lutz Neugebauer im Telefonat. Der 50-Jährige war wieder Mitglied im Team der Festivalseelsorge der evangelischen Nordkirche auf dem Wacken Open Air. 19 ausgebildete Fachleute, darunter Psychotherapeuten, Diakone, Sozialpädagogen und Pastoren, kümmerten sich rund um die Uhr um die ganz persönlichen Sorgen der Fans. Zu erkennen waren sie an ihren blauen Westen mit der Aufschrift „Seelsorge“. Für Gespräche stand ein Zelt zur Verfügung.

Auf den Umgang mit Corona- Folgen hatten sich die Seelsorger eigens vorbereitet. Psychologen und Psychotherapeuten schulten das Team im Vorfeld im Umgang mit Einsamkeit und Existenzängsten. Und in der Tat kämen solch persönliche Themen auf dem WOA zutage, berichtete Neugebauer. „Für viele ist so ein Festival ein Ventil, um Dampf abzulassen.“ So habe er bereits einige Gespräche mit Besuchern geführt, die sich in der großen Masse plötzlich einsam fühlten.

Die Seelsorger seien deutlich mehr aufgesucht worden als 2019, bestätigte Annika Woydack, Landesjugendpastorin und Leiterin des Seelsorge-Teams, in ihrer Bilanz zum Festival. Sie nannte als Gründe die coronabedingte Zwangspause und die aktuelle Situation in der Welt. „Obwohl die meisten Leute sehr froh sind, feiern zu können, ist für manche die riesige Menschenmenge doch ungewohnt und sorgt zum Beispiel für Orientierungslosigkeit, Ängste oder sogar Panik. Die letzten Jahre haben Spuren und Belastungen hinterlassen“, sagte Woydack.

Seelsorger geben Rat bei Kummer und Sinnfragen

Beraten wurden neben der Überforderung durch die Festivalsituation unter anderem Liebeskummer, Konflikte, Trauer um Angehörige, Sinn- und Wertfragen, Ängste und depressive Verstimmungen. Die mitgebrachten Sorgen, wie etwa Probleme in Ausbildung oder Beruf oder psychische Erkrankungen, ließen die Menschen ebenfalls um Rat fragen.

Von den Festivalbesuchern erhielten die Seelsorger viel positives Feedback. „Ich brauche euch nicht, aber gut, dass ihr für die anderen da seid“, das sei einer der häufigsten Sätze, die er während des Festivals gehört habe, so Neugebauer. Beschimpfungen, wie sie viele andere Kirchenmitarbeiter in jüngster Zeit aufgrund des Missbrauchsskandals erfahren hätten, habe er auf dem Festival noch nicht erlebt.

Seelsorge gibt es auf dem Wacken Open Air seit 2010. Das von der Nordkirche entwickelte Konzept dient inzwischen als Vorbild für vergleichbare Angebote, etwa auf dem Greenfield-Festival in der Schweiz. Die Festivalseelsorge ist nicht das einzige Angebot der Kirchen auf dem WOA. Bereits vor dem offiziellen Start wurde die Wackener Dorfkirche bei einem eigens für die Festivalbesucher gestalteten Gottesdienst zur „Metal Church“. Im Anschluss trat eine kroatische Metal-Gruppe in der Kirche auf.

Für Lutz Neugebauer, der im normalen Leben als Krankenhaus- und Notfallseelsorger in Hamburg arbeitet, ist der Einsatz auf dem Festival eine zeitgemäße Form, den christlichen Glauben zu leben. „Als katholischer Diakon bin ich verpflichtet, Menschen in Not beizustehen. Das gilt auch für ein Metal-Festival, das mit seinen mehreren Zehntausend Besuchern vorübergehend die drittgrößte Stadt Schleswig- Holsteins ist.“ (kna/hix)