13.01.2021

Schatzsuche in der Liturgie

Die Liturgiegeschichte ist wie ein großes Land mit vielen Landschaften. Der Hamburger Theologe Monsignore Wilm Sanders ist in diesem Land zu Hause. In 30 „Miniaturen“ erzählt er spannende und lebensnahe Liturgiegeschichten.

Konzelebration bei einer Papstmesse im Petersdom
Dem Konzilspapst Paul VI. war die Liturgie ein besonderes Anliegen. Neu geordnet wurde durch das Konzil die Konzelebration mehrerer Priester in der Messfeier. Foto: kna

Wie steht der Priester bei der Messfeier? Vor dem Konzil zelebrierte er mit dem Rücken zum Volk, nach dem Konzil der Gemeinde zugewandt. Das weiß jeder. Nur stimmt es nicht. Auch der „tridentinische“ Ritus von 1570 kannte die Zelebration im Angesicht der Gemeinde, und das Zweite Vatikanische Konzil hat die Zelebration mit dem Blick zum Volk nie verbindlich gefordert. Beides ist möglich. Muss eine Kirche nach Osten ausgerichtet sein? Das ist eine Empfehlung, aber zu allen Zeiten wurden Kirchen auch anders gebaut. 

Warum redet Paulus seine Gemeinden als „Brüder“ an, warum schreibt er nicht „Schwestern und Brüder“? Soll der Messwein süß sein oder trocken? Nimmt man Rotwein oder Weißwein? In der römischen Liturgie war bis zum Konzil Weißwein üblich. Dadurch sollte das Wunder der Wandlung betont werden.

Wenn jemand glaubt, er wisse schon alles über die katholische Gottesdienst-Kultur, sollte er das neue Buch von Msgr. Wilm Sanders lesen. Wer glaubt, Liturgie und ihrer Geschichte sei langweilig und ihre Regeln antiquiert und formalistisch, der wird nach der Lektüre dieses 136 Seiten starken Buches seine Meinung – vielleicht – ändern. 

Kann man den Namen Gottes aussprechen? 

Der Hamburger Priester, Ökumene-Spezialist und ehemalige Rundfunk-Theologe greift mit den 30 Betrachtungen tief in die Kiste seiner Erfahrungen. Jede einzelne „Miniatur“ ist verbunden mit einer Geschichte, einer Begegnung, einem Rom-Eindruck oder einem Streit, den der Theologe mit Kollegen ausgefochten hat. Und sehr häufig sind es Nicht-Katholiken, die die Dinge zurechtrücken. 

Den Namen Gottes, den die hebräische Bibel nur mit den Konsonanten JHWH wiedergibt, spricht kein Jude aus. Und auch die Christen haben über Jahrhunderte das Wort mit „Herr“ umschrieben, so in der offiziellen lateinischen Bibel, der „Vulgata“. Neuere Übersetzungen haben diese Tradition verlassen, erst die neue Einheitsübersetzung (2017) nimmt wieder das Wort „Herr“. „So haben wir nun glücklicherweise eine Bibelübersetzung, die wir auch im jüdisch-christlichen Dialog benutzen können“, kommentiert Wilm Sanders. 

Neben wissenswerten und interessanten Details bietet das Buch auch Anregungen. Vorschläge für das Fürbittgebet im Gottesdienst, für den häuslichen Brauch einer Sonntagskerze (nach dem Vorbild der Sabbatlichter) oder für Großelternmessen (die Wilm Sanders in Budapest kennengelernt hat). Wie schon in einem 2004 erschienen Buch lenkt der Theologe den Blick in die Zukunft. Kaum jemand nimmt es wahr – aber die eucharistischen Hochgebete schließen das Gebet für die Nachkommen und die folgenden Generationen ein.

Einige der Aufsätze gehen auf frühere Publikationen des Hamburger Theologen zurück. Dass er diese Sammlung gerade jetzt publiziert hat, hat einen Grund: „Ich habe mit der Corona-Krise angefangen. Und dann ging alles sehr schnell. Im Juni war das Buch beim Verlag.“

Hier der Buchtipp: Wilm Sanders, „Erhebet die Herzen – 30 liturgische Miniaturen“ in der Reihe „Epiphania Egregia“ – Aschendorf-Verlag Münster 2020, ISBN: 978-3-402-12080-4, 12,80 Euro. 

Text: Andreas Hüser