11.07.2020

Gleichnis vom Sämann

Selbst die ödeste Steppe kann blühen

Jesaja ist Optimist: Er glaubt daran, dass Gottes Wort wirkt. Jesus ist Realist: Er befürchtet, dass viel von seiner Verkündigung verschwindet, vertrocknet, verdorrt. Aller Erfahrung nach hat Jesus Recht. Wo bleibt die Hoffnung?

Steine, Sand, Dornen: Die Wüsten in Israel laden nicht unbedingt zum Wachsen und Gedeihen ein.
Steine, Sand, Dornen: Die Wüsten in Israel laden nicht unbedingt zum Wachsen und Gedeihen ein. 

Das Gleichnis vom Sämann ist eines der bekanntesten überhaupt. Vielleicht deshalb, weil es unmittelbar eingängig ist. Dass Säen und Ernten einander leider nicht immer entsprechen, weiß jeder, der einen Garten hat, und die Landwirte wissen es sowieso. Dürresommer und Starkregen lassen grüßen.

Auch Eltern und Berufspädagogen kennen das. Da versucht man Kinder zu erziehen, ihnen Werte und Wissen zu vermitteln, aber viel zu oft tun sie das Gegenteil von dem, was man ihnen ans Herz legt, oder verstehen einfach nicht, was man ihnen erklärt. Und schließlich alle, die den Glauben verkünden. Aufs Ganze gesehen sind ihre Erfolge bescheiden. Die Mehrheit der Bevölkerung kommt gut ohne Gott aus und ohne kirchliche Moralvorstellungen sowieso. 

Jesus hat das offenbar vorausgesehen. Anders als seine Jünger. Denn in der (sehr langen) Langfassung des Sonntagsevangeliums sind die Jünger ziemlich begriffsstutzig. „Warum redest du in Gleichnissen?“, fragen sie ihn. Und was soll das Ganze überhaupt bedeuten, das mit dem Weg und den Felsen und den Dornen? Also erklärt Jesus es ihnen.

„ Ihr also, hört, was das Gleichnis vom Sämann bedeutet: Zu jedem Menschen, der das Wort vom Reich hört und es nicht versteht, kommt der Böse und nimmt weg, was diesem Menschen ins Herz gesät wurde; bei diesem ist der Samen auf den Weg gefallen.“ (Mt 13,19)

Das gibt es: Da fällt einem das Portemonnaie aus der Tasche auf den Weg und weg ist es. Denn auf dem Weg lauern viel zu viele Böse, die es gern einstecken. Dieses Erlebnis mit dem Glauben in Verbindung zu bringen, ist allerdings nicht so leicht. Ein Böser kommt und nimmt weg, was ins Herz gesät wurde? Ist der Teufel im Spiel, wenn Menschen nicht glauben können?

Denn die Frage ist berechtigt: Warum verstehen so viele nicht, dass der Glaube etwas Gutes ist? Dass er nicht knechten, sondern befreien will? Dass die Morallehre nicht die Freude unterdrücken, sondern das Leben fördern möchte? Vielleicht liegt es ja tatsächlich nicht nur an schlechter kirchlicher Vermittlung, wenn Menschen das Wort nicht verstehen. Vielleicht können sie ja nicht. Und das wäre ein Problem, denn Jesus liegt genau daran: am Verstehen – nicht an dumpfem Gehorsam. Ob es aber „das Böse“ ist? Manche sagen, sie seien „leider religiös unmusikalisch“. Kann sein, dass da was dran ist.

„ Auf felsigen Boden ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort hört und sofort freudig aufnimmt; er hat aber keine Wurzeln, sondern ist unbeständig; sobald er um des Wortes willen bedrängt oder verfolgt wird, kommt er sofort zu Fall.“ (Mt 13,20–21)

Ja, das gibt es, dass Menschen sich schnell begeistern lassen und dass die Begeisterung ebenso schnell wieder verfliegt. Nehmen Sie die Erstkommunionkinder. Die Vorbereitung läuft in vielen Gemeinden so engagiert, dass gerade fernstehende Familien positiv überrascht, ja regelrecht begeistert sind. Die Kinder kommen gern in ihre Gruppen, und auch die Familienmessen mit flotten Liedern und originellen Katechesen ernten Lob. Könnte man ja mal öfter hingehen ...

Allein: Wenn das Ereignis vorbei ist, schwindet auch die Begeisterung. Und zwar nicht, weil man „um des Wortes willen bedrängt oder verfolgt wird“, nein, so schwierig ist es nicht, Christ zu sein. Es reicht schon, wenn jemand nörgelt, weil es an normalen Sonntagen in der Kirche doch superlangweilig ist und ein Sonntagsfrühstück viel lustiger. Oder dass der Fußballtrainer mahnt, nicht schon wieder auf die letzte Minute zum Spiel zu kommen. Oder dass Freunde spötteln, warum man denn auf einmal so fromm geworden ist. Oder den Zweifel säen, ob man die Kinder angesichts der Missbrauchsskandale tatsächlich bedenkenlos zu den Messdienern schicken kann.

Übrigens ist diese schnelle, aber wenig nachhaltige Begeisterung nicht allein ein kirchliches Phänomen. Im Ehrenamt, in Parteien oder Bürgerinitiativen, im neuen Job oder bei der frischen Liebe gilt: Viel zu oft hält der erste Schwung dem mühsamen Alltag nicht stand. Flachwurzler kippen dann schnell um.

„ In die Dornen ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort hört, und die Sorgen dieser Welt und der trügerische Reichtum ersticken es und es bleibt ohne Frucht.“ (Mt 13,22)

Genau das wird heute oft beklagt. Zum einen haben die Menschen den Kopf einfach nicht frei für Gott. Der Stress in Beruf, Familie und Freizeit verhindert tiefsinnige Gedanken. Gott, Glaube, Gebet: Das braucht Zeit und Muße, und das passt einfach nicht in den Rhythmus unserer Tage. Es müssen nicht einmal Sorgen sein, die uns bedrängen; es ist einfach die Fülle der Aufgaben, die alles andere erstickt.

Und auch das zweite stimmt wohl. Der „trügerische Reichtum“ unterstützt die Grundstimmung, dass wir auch ohne Gott ganz gut zurechtkommen. Wir kaufen uns, was wir brauchen, und basteln uns unseren kleinen Himmel auf Erden. Alles, was mit dem großen Himmel zusammenhängt, kann warten.

„ Auf guten Boden ist der Samen bei dem gesät, der das Wort hört und es auch versteht; er bringt Frucht: hundertfach oder sechzigfach oder dreißigfach.“ (Mt 13,23)

Drei Negativbeispiele führt Jesus an, bis er endlich das Positive sieht. Eine interessante Gewichtung: Drei zu eins ist zumindest im Fußball ein klarer Ausgang. Im Glauben auch? Oder kann die reiche Frucht die schlechte Ernte doch irgendwie ausgleichen? „Hundertfach, sechzigfach, dreißigfach“ – das klingt nicht nach Schrumpeläpfeln, die Jesus hier ankündigt, das klingt nach echten Erfolgen. 

Womit wir bei Jesaja wären und Gottes Versprechen, dass seine Worte „bewirken, was ich will, und das erreichen, wozu ich es ausgesandt habe“. Denn wenn man sieht, wie ein ordentlicher Regen die ödeste Steppe zum Blühen bringen kann, dann ist zumindest nicht alle Hoffnung verloren. Vielleicht ist ja genau das die Frucht: dass durch das Mühen um Gottes Wort manchmal doch etwas aufblüht – bei den Zweiflern und Skeptikern, bei Kommunionkindern und ihren Eltern, bei den Gestressten und Überforderten, bei den Satten und Zufriedenen. Und bei uns.

Susanne Haverkamp