02.01.2019

So unglaublich klein

Was könnte Gott bewegt haben, als er seinen Sohn auf die Erde sandte, wo er in einem Stall geboren wurde und am Kreuz starb? Wir gucken auf unser eigenes Leben und fühlen und nennen es Liebe

Junge Frau liest Liebesroman
Liebst du mich? Im Serienroman ist das gute Ende garantiert.  Foto: dpa

„Liebst du mich?“, fragt die junge rehäugige Schwesternschülerin den erfolgreichen und gutaussehenden Assistenzarzt, als der Patient in Narkose und die zwei endlich einmal unter sich sind… Diese Herz umrührende Ersatzdroge bekommt man legal für drei Groschen an jedem Bahnhofskiosk…

„Liebst Du mich?“, fragt aber auch Jesus den Petrus. Dreimal. Dieser Satz bohrt den Himmel an. Von innen her. Und das zweite Bohrloch entsteht mit der Bitte Gottes an uns, in erster Linie ihn zu lieben „mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Vernunft“. 

Moment mal: Haben wir etwa einen ungeliebten, gar einsamen Gott? Wir wissen wenig über den Schöpfer der Welt, und ich weiß nicht, wie diese beiden Sätze zu uns gekommen sind. Aber durch die zwei Gucklöcher meine ich einen Gott zu erkennen, der sich in Sehnsucht nach unserer Zuwendung verzehrt. Einen Gott, der geliebt werden möchte.

Sie stellen sich bitte mal kurz vor, Sie seien der Schöpfer einer Welt. Kann ja nicht so schwer sein, schließlich sind wir nach dem Bild Gottes geschaffen. Sie haben also ein Universum aus dem Nichts geschaffen und auf einem winzigen Erdenkrümel in diesem All hat es Ihnen gefallen, ein Leben zu installieren. Eine phantastische, dynamische sich weiter entwickelnde Schöpfung. Sehr gut geworden. Sie sind zufrieden. Und dann noch ein Wesen nach Ihrem Bild. Das nicht nur schön ist, futtert, ausscheidet und sich fortpflanzt. Sondern eines, das fähig ist zu lieben. 

Automatische Liebe? Danach sehnt sich keiner.

Der Einbau automatischer Liebe in ein Wesen kann’s nicht sein. Von willenlos programmierten Geschöpfen geliebt zu werden, hat etwas Gespenstisches. Das ist nicht, wonach Sie sich sehnen. Es zeigt sich: Liebe, das Wertvollste, die neue Dimension, kann nur in Freiheit und aus völliger Freiheit echt und stark sein.

Nehmen wir also an, die Welt sei eine Schule der Liebe. Wie aber lernen? Jeder liebt anders. Mein Vater ist ein vernünftiger Mensch. Er steht sehr zum katholischen Christentum. Nur, Gott lieben, fragt er sich und mich, wie soll denn das gehen? Wenn aber einer schlecht über Gott redet, reagiert er, als ob man seinen Schulfreund beleidigt hat. 

Gott lieben kann sein: Wenn wir in der Messe oder in langen Zeiten der Stille die Aufmerksamkeit vom Kopfgewusel absinken lassen in die Herzgegend. Nackt vor uns und Gott. Und unser Herz erheben. Das sagt sich so leicht dahin in der Messe. Und ist doch der Kern unserer Zuneigung zum fließenden Licht. 

Der Skandal des Kreuzes, bei dem, oberflächlich betrachtet, ein Gott seinen Sohn abschlachten lässt, um sich selbst durch dieses Opfer in Bezug auf die unvollkommenen Menschen besänftigen zu lassen, löst sich auf in das Bild eines Gottes, der vor keiner Selbsterniedrigung zurückschreckt, wenn es darum geht, um unsere Liebe zu werben. Also hat Gott die Welt geliebt… 

„Liebe und tu was du willst.“ Diesen Satz von Augustinus fand ich manchmal etwas sehr schlank. Aber er beschreibt den Lehrplan dieser Schule.

Dann schickt uns Gott einen, den wir seinen Sohn nennen. So unglaublich klein macht er sich, so hilflos, so beschützenswert, so menschlich. Indem er ein Kind wird, macht er es uns leicht, ihn zu lieben. Dem schutzbedürftigen Zauber eines Säuglings können sich nur wenige entziehen. Sollte das so einfach sein? Mir will es – nach Weihnachten – so scheinen.

Und übrigens: Die Schwesternschülerin und der junge Arzt haben sich noch bekommen und alles wurde gut. 

Text: Nikolaus Huhn