04.05.2022

Und was kommt ganz zuletzt?

Es gibt eine neue Bestattungsform: „Reerdingung“. Das bedeutet: Der Körper wird wie bei der Kompostierung zu Erde verwandelt. Alternativen zur klassischen Beerdigung gibt es viele. Auch junge Menschen machen sich Gedanken über ihre letzte Ruhestätte – so wie unsere Autorin Melanie Giering. 

Der Friedhofsbeauftragte des Kirchenkreises Lübeck-Lauenburg, Bernd K. Jacob und Pröpstin Frauke Eiben stellen die neue Bestattungsform Reerdigung vor
 Reerdigung: Der Friedhofsbeauftragte des Kirchenkreises Lübeck-Lauenburg, Bernd K. Jacob und Pröpstin Frauke Eiben stellen die neue Bestattungsform vor, die von der evangelischen Kirche in Norddeutschland angeboten wird. Foto: Bastian Modrow

Der Tod gehört zum Leben. Das ist nicht immer einfach zu akzeptieren und trotzdem unbestreitbar. Zum Leben dazu gehört daher aber auch, sich über die eigene Bestattung Gedanken zu machen. Wenn es so weit ist – wie möchte ich von meinen lieben Menschen verabschiedet werden? Möchte ich eine Feuerbestattung, bei der hinterher die Urne auf einem Friedhof vergraben wird? Möchte ich eine klassische Sargbestattung? Oder soll meine Asche auf hoher See verstreut werden? Vielleicht doch in einem Friedwald unter einem stattlichen Baum ruhen?

Für mich als junger Mensch fühlt sich das Thema „Bestattung“ erstmal völlig abstrakt an. Wieso sollte ich mir über das Ende meines Lebens Gedanken machen, wo ich doch das Leben an sich noch vor mir habe? Man möchte den Teufel ja auch nicht an die Wand malen oder zu pessimistisch denken.

Zuletzt konnte ich zu dem Thema aber eine für mich sehr prägende Erkenntnis sammeln. Im Umfeld meiner Eltern gibt es ein Ehepaar im bereits sehr fortgeschrittenen Alter. Schon vor einigen Jahren kümmerten sie sich um ihre Bestattung und wie alles ablaufen soll, sollten sie eines Tages mal nicht mehr sein. Klar – im hohen Alter ist es vielleicht gängiger als mit 20, dass man sich mit dem eigenen Ableben beschäftigt und eine klare Vorstellung für sein Ende definiert. Dennoch ist es nicht selbstverständlich, sich so realistisch mit dem Tod auseinanderzusetzen, wenn konkret noch gar kein Anlass zur Sorge besteht. Dieser Umgang mit dem eigenen Sterben hat mich sehr beeindruckt und gleichzeitig irgendwie inspiriert. Ich habe festgestellt: Das ist kein Pessimismus, sondern gesunder Realismus. Wieso muss ich meine trauernden Angehörigen zusätzlich noch damit belasten, wie meine Beerdigung ablaufen soll oder welche Form der Bestattung ich mir wünsche? Gleichzeitig gefällt mir die Vorstellung, dass ich selbst entscheiden kann, wie meine Beerdigung aussehen soll. Und das, während ich mich noch voll und ganz darauf konzentrieren kann, das Leben zu genießen.

Neue Bestattungsform für die „Fridays for Future“-Generation

Auch wenn man im Bereich Bestattungen eher wenig Gestaltungsspielraum vermuten würde – auch diese „Branche“ befindet sich im Wandel und auch an ihr geht der „Trend“ zur Nachhaltigkeit nicht spurlos vorüber. In der evangelischen Kirchengemeinde Mölln gibt es daher seit Februar dieses Jahres eine neue Form der Erdbestattung: die sogenannte „Reerdigung“. Dahinter verbirgt sich eine nachhaltige und ökologisch wertvolle Form der Bestattung. Der Körper eines Verstorbenen wird in einer Art Kokon beigesetzt – der Behälter ähnelt einem gewöhnlichen Sarg. Darin sorgt ein Prozess dafür, dass der Körper innerhalb von 40 Tagen in fruchtbare Erde transformiert wird. Aus ihm kann anschließend wieder neues Leben entstehen, indem beispielsweise Pflanzen in diesem Boden angepflanzt werden. 

Während sich Menschen in meinem Alter wahrscheinlich weniger mit dem Thema Tod und Bestattung beschäftigen, könnte grade die Reerdigung für die „Fridays for Future“-Generation interessant sein. Nachhaltigkeit geht so auch noch über den Tod hinaus. 

Aber vor allem symbolisch könnte die Reerdigung für alle Generationen eine ernstzunehmende neue Bestattungsform darstellen. Wenn aus dem Tod neues Leben entsteht – darin verbirgt sich eine zutiefst österliche und hoffnungsspendende Botschaft. Denkt man dann auch noch an die Dauer von 40 Tagen, die die Transformation des Körpers in Erde braucht, drängt sich einem der Auferstehungsgedanke beinahe auf. Vielleicht kann die Reerdigung also dabei helfen, den Tod als einen Teil vom Leben, als einen Teil des großen und ganzen Wirken Gottes anzunehmen und so auch die Trauernden an die Auferstehung zu erinnern.

Text: Melanie Giering