20.05.2020

Unser täglich Fleisch

Corona-Ausbrüche in Schlachthöfen gab es mehrere, auch in Schleswig-Holstein. Ursache könnten die prekären Lebensverhältnisse der zumeist rumänischen Mitarbeiter sein. Deren Situation beschäftigt einen Runden Tisch in Kellinghusen. Moderator ist der frühere Landtagspräsident Martin Kayenburg (CDU) aus der Pfarrei St. Ansgar Itzehoe.

Schweinehälften im Schlachthof
Nicht schön anzusehen, aber Grundlage unserer täglichen Ernährung: Schweinehälften in einem Schlachthof. Foto: picture alliance/agrar-press

Worum geht es bei dem Runden Tisch und wer nimmt teil?

Der Runde Tisch geht auf den sogenannten Stützkreis zurück, in dem sich Kellinghusener Bürger engagieren, die sich um die Unterbringung der rumänischen Werkvertragsarbeitnehmer und deren Lebensbedingungen, aber auch um die Arbeitsbedingungen im Schlachthof sorgen. Mit dabei sind der Landrat des Kreises Steinburg, der Bürgermeister der Stadt Kellinghusen, Fachleute der Verwaltung sowie der DGB und der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt der Nordkirche. Und natürlich die Firma Tönnies, die den Schlachthof in Kellinghusen betreibt, sowie ein Vertreter der Werkvertragsarbeitgeber der Firma Vion, die wiederum den Schlachthof in Bad Bramstedt betreibt. Auch die Parteien des Stadtrats sind als interessierte Dritte dabei. 

Was gibt denn Anlass zur Sorge?

Mit Blick auf das Coronavirus ist sicher ein Problem, dass die rumänischen Arbeiter, die in einer Kaserne in Kellinghusen untergebracht sind, bei Vion in Bad Bramstedt arbeiten, während die Tönnies-Mitarbeiter in Bad Bramstedt wohnen und mit Bussen zur Arbeit nach Kellinghusen gefahren werden. Insgesamt ist die Wohnsituation prekär. Viele der Tönnies-Mitarbeiter wohnten lange über das Stadtgebiet in Kellinghusen verstreut in menschenunwürdigen Verhältnissen. Die Firma Tönnies hat dann für diese Menschen eine Gemeinschaftsunterkunft in Bad Bramstedt gefunden und sucht jetzt nach Baugrundstücken in Kellinghusen, um dort ein Wohnmodell umzusetzen, das die Firma bereits an anderen Standorten in Deutschland praktiziert. Das ist ein erster Erfolg des Runden Tisches.

Das reicht nicht?

Was uns in Schleswig-Holstein fehlt, ist ein Wohnaufsichtsgesetz oder Wohnraumschutzgesetz wie in anderen Bundesländern – mit Kriterien zur Wohnqualität –, das den Behörden eine Handhabe gibt, um bei Bedarf einzuschreiten. Der Runde Tisch will bei der Landesregierung und den Parteien dafür werben, so ein Gesetz endlich auf den Weg zu bringen. 

Warum werden überhaupt rumänische Firmen als Subunternehmer beauftragt?

Rumänische Arbeiter sind im Regelfall günstiger als deutsche Arbeitnehmer, denn sie sind sozial deutlich weniger abgesichert und erhalten sicher auch keinen Tariflohn. Der Unternehmer bestellt einen Mitarbeiter des Werkvertragsunternehmens und kann jederzeit sagen: „Den brauche ich nicht mehr, nimm ihn bitte zurück.“ Damit sind die Lohnkosten sehr klar kalkulierbar. Ein zweiter Grund ist, dass der deutsche Arbeitsmarkt für die Fleischindustrie – und das ist in doppeltem Sinn Knochenarbeit – kaum Arbeitskräfte anbietet. Die Firmen waren kaum in der Lage, entsprechende Fachkräfte zu bekommen.

Es heißt, die Rumänen hätten oft fragwürdige Geschäftspraktiken.

Ein Problem ist, dass die deutschen Firmen keinen Einfluss auf die Anwerbung durch die Werkvertragsarbeitgeber haben und die Arbeitnehmer meist schon Vermittlungsgebühren zahlen müssen, obwohl sie noch gar nichts verdient haben. Dieses System hat auch der Firma Tönnies nicht gefallen, die inzwischen ein eigenes Anwerbebüro in Rumänien eröffnet hat. Schwierig ist ferner, dass die rumänischen Gastarbeiter, die meist kein Deutsch sprechen, nicht der unmittelbaren Kontrolle der Schlachthofbetreiber unterliegen, sondern von den Vorarbeitern der rumänischen Werkvertragsarbeitgeber kontrolliert werden. Diese bestimmen, wer wann wo eingesetzt wird und wo die Menschen wohnen. Für ein Bett in einer Sammelunterkunft zahlen die Arbeiter dann oft horrende Preise. Die Kontrolle der Schlachthof-Unternehmen beschränkt sich leider, wenn überhaupt, im Wesentlichen auf die Einhaltung der Hygiene- und Arbeitsschutzbestimmungen. 

Wie beurteilen Sie das?

Die Menschen sind ein Stück weit ausgebeutet worden von ihren entsendenden Unternehmen. Das ist ein Grund, warum nicht nur der Stützkreis aktiv geworden ist, sondern auch die Kirchen gesagt haben: „Solche menschenunwürdigen Zustände können und dürfen wir nicht dulden.“ 

Was können die Verbraucher tun?

Wir müssen uns fragen, ob wir nicht selbst mit Schuld an den Verhältnissen sind, weil wir ja möglichst günstig Fleisch kaufen wollen. Es wird zwar Qualität gewünscht, aber sie muss möglichst billig sein. Auch die Supermärkte und Discounter stehen in der Verantwortung, weil sie einen ungeheuren Druck auf den Markt und die Produzenten ausüben, um die Einkaufspreise zu drücken. Ich glaube, wenn entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen würden und die Verbraucher bereit wären, mehr Geld auszugeben, dann wäre auch die Fleischindustrie bereit, mehr für die Arbeiter zu tun.

Was denken Sie, wenn Sie Angebote für richtig günstiges Grillfleisch sehen?

Ich wundere mich, dass es überhaupt möglich ist, zu diesen Preisen Fleisch zu produzieren. Kann das wirklich qualitätsvolles Fleisch sein? Nach den Erfahrungen am Runden Tisch frage ich mich natürlich auch, was eigentlich mit den Mitarbeitern ist, die da für sehr kleines Geld eine harte Arbeit leisten. Und jeder sollte sich selbst fragen, ob das noch ein fairer Preis ist.

Interview: Marco Heinen