09.06.2021

Von der „Schockstarre“ zum Gespräch

In einem Brief an die Gremien im Erzbistum und an alle Gläubigen hat der Priesterrat des Erzbistums zu einem „Kulturwandel“ und zu einer verbesserten Gesprächskultur aufgerufen. Hier der Brief im Wortlaut:

Der Priesterrat des Erzbistums kurz vor seiner konstituiertenden Sitzung im August 2020
Der Priesterrat des Erzbistums kurz vor seiner konstituiertenden Sitzung im August 2020. Foto: Andreas Hüser

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

nachdem unser Erzbischof am 18. März dem Heiligen Vater seinen Amtsverzicht wegen der Pflichtverletzungen, die ihm aus seiner Kölner Zeit vorgeworfen werden, angeboten hat, herrscht in unserem Erzbistum Hamburg eine merkwürdige Stille. Es ist ja auch eine völlig neue und unbekannte Situation entstanden. Wenige Stunden nach der Vorstellung der Studie von Professor Gercke über den Umgang mit sexualisierter Gewalt im Erzbistum Köln wandte sich Erzbischof Stefan mit einer Video-Botschaft an die Öffentlichkeit – und trat danach aus dem Bild.

Wir haben Erzbischof Stefan einen Brief geschrieben, in dem wir ihm unseren Respekt ausgesprochen haben, dafür, dass er einen schmerzlichen Schritt zur Übernahme seiner persönlichen Verantwortung und zugleich eines Teils der Verantwortung für das Versagen des Systems zu tun bereit war. Wir wissen, dass wir genauso wie er Verantwortung für die Aufarbeitung des Machtmissbrauchs übernehmen müssen.

Wir haben ihm auch unseren Respekt und unseren Dank ausgesprochen für seinen Einsatz, den er seit den ersten Tagen im Amt angesichts der zahlreichen Herausforderungen gezeigt hat, die im Erzbistum selbst entstanden waren, und auch für seinen Einsatz, der angesichts der gesellschaftlichen Transformationsprozesse nötig wurde. Er hat ja den Pastoralen Orientierungsrahmen auf den Weg gebracht und die Grundlagen einer Vermögens- und Immobilienreform etabliert. Im Gebet sind und bleiben wir ihm verbunden.

Wir haben auch einen Brief an den Nuntius, Herrn Erzbischof Dr. Nikola Eterović geschrieben, um ihn um ein Gespräch über die aktuelle Situation in unserem Erzbistum zu bitten und um Fragen der Zukunft mit ihm anzusprechen.

Mit diesem Brief wenden wir uns nun an die Gremien und die geneigte Öffentlichkeit in unserem Erzbistum. Denn nachdem sich die erste „Schockstarre“ nun löst, halten wir es für wichtig, zu einer Überwindung des Schweigens und zur Verbesserung der Gesprächskultur in unserem Erzbistum zu kommen; wir wollen uns als lernendes System verstehen. Wir wollen nicht das Kölner Gutachten bewerten. Wir wollen aus unserem eigenen Wahrnehmen und Nachdenken Stellung beziehen und zum Austausch einladen. Wir möchten zu einem Kulturwandel beitragen, der die ganze Organisation weiterbringt – so gut wir es eben können.

Freundliche Grüße

Pastor Peter Andreas Otto
Moderator des Priesterrates