06.11.2019

Von der Aufklärung zur Hilfe

In Mecklenburg gab es besonders viele Fälle von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche. Ein Forschungsteam soll diese Fälle und ihre Hintergründe jetzt aufklären. In Neubrandenburg wurde das Projekt am Montag vorgestellt. 

Beirat und Forschungsteam für die Aufarbeitung des sexuellen Mißbrauchs in Neubrandenburg stellen sich vor

Auftakt in Neubrandenburg: Beirat und Forschungsteam stellen sich vor. Foto: Bernd Lasdin

Mit einer Auftaktveranstaltung in Neubrandenburg hat das katholische Erzbistum Hamburg am Montagabend eine Studie zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in  Mecklenburg vorgestellt. Die Studie unter Leitung der Professorin für forensische Psychiatrie an der Universität Ulm Manuela Dudeck ist auf zwei Jahre angelegt.

Im Erzbistum Hamburg war der Landesteil Mecklenburg besonders von sexuellem Missbrauch betroffen. Von 33 bekannten Missbrauchstätern und 103 geschädigten Kindern und Jugendlichen auf dem Gebiet des Erzbistums Hamburg zwischen 1945 und 1970 lebten 17 beschuldigte Priester und 54 Opfer in Mecklenburg.

„Die Studie soll bewirken, dass Licht in dieses Kapitel kommt und dass die Dinge, die geschehen sind, aufgedeckt werden“, sagte der Hamburger Erzbischof Stefan Heße der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA); denn nur bei Aufklärung könne man den Betroffenen helfen. Zudem solle die Kirche so lernen, was sie künftig anders machen müsse, um Missbrauchsfälle zu vermeiden.

Als Material stehen den Forschern unter anderem die Personalakten der Priester, Stasi-Akten oder die Nachlässe der Bischöfe zur Verfügung. „Wir sind natürlich jederzeit für Betroffene ansprechbar“, so die Leiterin Dudeck.
Finanziert wird die Studie vom Erzbistum Hamburg; dass sie unabhängig sei, garantiere die Rechtsabteilung der Uni Ulm.

Intime Berührungen – ein  Betroffener berichtet

Dudecks Mitarbeiterin Judith Streb erklärte, es gehe um eine qualitative Untersuchung der Taten, des Umfelds und die Reaktionen Dritter. Die Forscher wollen demnach auch erfahren, welchen Einfluss der Missbrauch auf den weiteren Lebensweg der Betroffenen hatte, welche Unterstützung sie erfuhren und welche Erwartungen sie an die katholische Kirche haben.

An der Auftaktveranstaltung nahm auch der gebürtige Rostocker Andreas T. teil. Er wollte ursprünglich katholischer Priester werden. Vor den rund 100 Besuchern der Veranstaltung berichtete er ausführlich, wie er als Jugendlicher und später als Student immer wieder sexuelle Übergriffe durch einen katholischen Pfarrer habe erleben müssen.

Zunächst sei der Priester „wie ein großer, kluger Freund“ gewesen, mit dem er „über alles sprechen konnte“. Dann aber sei der Tag gekommen, an dem der Kaplan ihn umarmt und zu intimen Berührungen genötigt habe. Die folgenden Jahre voller Übergriffe habe T. nur ertragen, weil er Priester habe werden wollen. Am Ende habe er sein Theologiestudium abgebrochen.

T. berichtete weiter, alle Kirchenvertreter, denen er sich anvertraut habe, hätten am Ende mehr dem Priester als ihm selbst geglaubt. Auch der damalige Weihbischof Heinrich Theissing (1917–1988) habe ihm als Theologiestudenten nicht geglaubt und ihn sogar zu einem Praktikum in die Gemeinde seines Missbrauchstäters geschickt. (kna)

Text: Benjamin Lassiwe

 

Kontakt:

Ansprechpersonen für Fragen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger und erwachsener Schutzbefohlener:

Dipl. Psych. Susanne Zemke,
Tel. 040/ 248 77-235, E-Mail: zemke@erzbistum-hamburg.de

Rechtsanwalt Frank Brand,
Tel. 0451 / 62 44 57, E-Mail: info@brand-ra.de

Monika Stein (Referatsleiterin Prävention und Intervention)
Tel. 040 / 248 77-462, E-Mail: praeventionsbeauftragter@erzbistum-hamburg.de

Claudia Schophuis (Leiterin des EBA Schwerin)
Tel. 0385 / 489 70 11 oder E-Mail: hoppe@erzbistum-hamburg.de

Univ.-Prof. Dr. med. Manuela Dudeck,
Tel. 08221 / 96-258 51, E-Mail: Manuela.Dudeck@bkh-guenzburg.de