25.01.2023

Von der Fabrik zur Kirche

Teterow ist eine Stadt mit riesigem ländlichen Hinterland. In den 1920er Jahren aber blühte dort eine katholische Gemeinde auf. Ihre Kirche war eine umgebaute Fabrik, ihr Markenzeichen wurde die Jugend – sie kam aus ganz Mecklenburg.

So sah die St. Petruskirche einige Jahre nach dem Bau aus. | Foto: Archiv Astrid Bartels

VON ANDREAS HÜSER

Wer heute unweit des Teterower Bahnhofs auf dem Gelände der katholischen Kirche steht, kann sich die bescheidenen Anfänge kaum vorstellen. 100 Jahre besteht die Gemeinde in diesem Jahr. Ein Ereignis, dass wegen der Corona-Bedenken nur im kleinen Rahmen gefeiert werden konnte. Als 1922 die Teterower Pfarrei gegründet wurde, gab es noch keine katholische Kirche in der Stadt. Die „Gotteshäuser“, in denen die wenigen Katholiken – vorwiegend polnische Saisonarbeiter – ihre Messen feierten, hießen „Schützenhaus“ oder „Hechtkrug“. Eine aufgegebene „Waschanstalt“ wurde zur Kapelle. In dieser aber feierte der neue Pfarrer Kaschny jeden Morgen die heilige Messe. Er gab Unterricht für die Kinder, hielt Vorträge für die Erwachsenen. Fünf Jahre später erhielt die Gemeinde einen großen Schub. Drei Missionsschwestern vom heiligen Namen Mariens kamen nach Teterow. Sie gründeten ein Kinderheim und eine Kommunikantenanstalt, wo die Kinder aus der Umgebung Kommunionunterricht bekamen und gleichzeitig untergebracht wurden. Später stand eine Wochenkrippe für Kinder offen, deren Mütter arbeiteten. 1927 kaufte der Bischof von Osnabrück die leerstehende Maschinenfabrik Müller samt Fabrikantenvilla. Die Villa wurde Pfarrhaus, die Fabrikhalle wurde Kirche.

Das Jugendhaus war immer ausgebucht

Ein Schock für die Gemeinde war das Kriegsende 1945. Die Rote Armee verwüstete das gesamte Gelände. Überall lagen liturgische Gewänder und Gefäße, Kunstwerke und Bücher herum. Pfarrer und Küster sammelten alles ein. Die evangelische Gemeinde half aus der Not. Die Kirchenausstattung wurde im Turm der Stadtkirche verstaut, die Katholiken durften ihre Gottesdienste in dieser Kirche feiern.

Der Krieg war vorbei, aber die neue Regierung schränkte die Möglichkeiten der Gemeinde stark ein. Kindererziehung sollte Sache des Staates sein, deshalb wurde aus dem Kinderheim 1975 ein „Feierabend- und Pflegeheim“. Dafür bekam die Gemeinde 1964 eine Aufgabe, für die Teterow bis heute bekannt ist. Die Jugendseelsorge für ganz Mecklenburg bekam hier eine Zentrale. Bisher reisten die Jugendseelsorger von Gemeinde zu Gemeinde. Josef Michelfeit gehörte zu den ersten Jugendpfarrern, die auf den festen Standort setzen konnten. Die Jugend nutzte den Pfarrsaal, nebenan hatte das „Ansgarhaus“ auch Raum zum Übernachten. „Wir hatten 40 Schlafplätze, aber oft 60 Anmeldungen“, erinnert sich Gisela Kastner. Sie war von 1969 bis 1990 Leiterin des Hauses.

Das Jugendhaus in Teterow war so gut wie immer ausgebucht, trotz einiger Widrigkeiten. „Jeder, der kam, musste polizeilich angemeldet werden.“ Diejenigen, die kamen, kamen auch wieder. Denn sie fanden einen Ort, an dem man frei reden konnte und eine Wahrheit fürs Leben fand. „Es herrschte eine tolle Geborgenheit in diesem Haus“, sagt Gisela Kastner.

Nach der Wende änderte sich einiges. Eine Familienbildungsstätte entstand am Ort, die auch in den umliegenden Orten aktiv wurde. Hinter der Kirche wurde das großzügige und moderne Alten- und Pflegeheim St. Ansgar gebaut. Und auch das Jugendhaus entstand neu. Im Gewerbegebiet Koppelberg gab es das, was das alte Jugendhaus nicht hatte: viel Platz. Und so konnte dort eine moderne und jugendgerechte Herberge entstehen.

Die Gemeinde St. Petrus ist auch heute noch aktiv, wenn auch der Zustrom von Katholiken aus der Anfangszeit nicht mehr da ist. Denn wie in vielen ländlichen Regionen zieht es viele Menschen weg. Die schöne Mecklenburger Schweiz und die schöne neue Kirche kann diesen Umstand nur schwer wettmachen.