22.05.2019

Von Feinstaub und Luftnummern

Wie die Franziskanerinnen vom Haus Damiano in Kiel an einem stark mit Feinstaub belasteten Ort über den Straßenverkehr vor ihrer Tür denken.

Das „Haus Damiano“ in Kiel liegt nur wenige Meter vom Theodor-Heuss-Ring entfernt, an dem seit Jahren der EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft überschritten wird.  Foto: Marco Heinen

Rund um das Gästekloster „Haus Damiano“ in Kiel herrscht dicke Luft. Seit einiger Zeit steht offiziell fest: Das von Ordensschwes­tern geführte Gästekloster sowie die benachbarte Kirche Liebfrauen liegen an einem der bundesweit am meisten belasteten Orte. Nur wenige Meter entfernt führt der viel befahrene Theodor-Heuss-Ring vorbei, an dem seit Jahren der EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft überschritten wird. Die Messstation, die vom Garten des Hauses aus zu sehen ist, registrierte 2018 im Mittel einen Wert von 60 Mikrogramm. Nur in Stuttgart und München wurden noch höhere Feinstaub-Konzentrationen gemessen. „Als Franziskanerinnen müssen wir mit dieser Realität leben“, sagt die Leiterin des Hauses, Schwester Maria Magdalena.

Sie begrüßt das Tempolimit, das die Stadt Kiel zur Verbesserung der Luftqualität angeordnet hat. Statt bisher 70 sind seit April nur noch 50 Stundenkilometer auf der vierspurigen Straße erlaubt. „Das haben wir uns lange gewünscht, weil so auch viele Unfälle vor unserer Kirchentür verhindert werden.“

Eine weitere Maßnahme hält sie jedoch im wahrsten Sinne des Wortes für eine Luftnummer: Um den Verkehrsfluss zu verbessern, ließ die Stadt die kleineren Zu- und Abfahrten des Theodor-Heuss-Rings sperren. Damit sind auch das Kloster und die Kirche für Autofahrer nur noch über einen Umweg erreichbar. „Vielleicht fließt nun der Verkehr auf der Hauptstraße besser, aber alle, die zu uns kommen, müssen einen Umweg durch das ganze Wohngebiet fahren und verursachen letztlich noch mehr Feinstaub“, sagt Schwester Maria Magdalena kopfschüttelnd.

Im Klostergarten ist nichts vom Feinstaub zu merken

Vor den Ostergottesdiensten – die Sperrungen waren kurz vor den Feiertagen eingerichtet worden – postierten sich drei Schwestern an der Straße, um Besuchern den rechten Weg zu weisen. Inzwischen wissen Stammgäste bereits Bescheid: „Der Kirchenbesuch leidet nicht unter der Sperrung. Trotzdem hoffe ich, dass die Maßnahme nur von kurzer Dauer ist.“

Im Gästehaus und im Klostergarten sei nichts von der Luftverschmutzung zu spüren. „Zumindest haben wir bei Kräutern und Honig, die wir im Klosterladen verkaufen, bislang keine Veränderungen festgestellt“, so die Schwester. Die Anlage liege zum Glück nur in zweiter Reihe. „Aber wir sind solidarisch mit den Nachbarn, die in erster Reihe wohnen und suchen auch das Gespräch mit der Politik.“

Letztlich sieht die Ordensfrau in der Feinstaub-Thematik einen Impuls: „Wir sollten nicht das Problem in den Mittelpunkt rücken, sondern darüber nachdenken, was wir für die Bewahrung der Schöpfung tun können.“ Die Schwestern überlegten sich schon jetzt sehr genau, wann sie das Auto benutzen und wann sie lieber mit dem Bus fahren. Im Gästekloster seien Veranstaltungen zum Thema Umwelt- und Klimaschutz geplant. Trotz Feinstaub, Lärm und Sperrungen gibt sich Schwester Maria Magdalena daher gelassen: „Wir wissen, dass wir in der Nähe eines sehr belasteten Ortes in Kiel leben. Aber wir empfinden das nicht so.“     

Text: Michael Althaus/kna