13.03.2019

Von Jesus weg zu Jesus hin

Was hat unser Gottesdienst mit den Menschen in Not, am Rande der Gesellschaft zu tun? Caritaspräsident Peter Neher erläutert einen Satz aus dem Pastoralen Orientierungsrahmen des Erzbistums. Teil 2 der Serie zur Fastenzeit

Priester bricht die Hostie
In der Messfeier bricht der Priester das eucharistische Brot. Ein Zeichen, das auch für das Handeln der Mitfeiernden Bedeutung hat.  Foto: kna

„Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,20) Diese Zusage Jesu empfinde ich als Ermutigung. Jeder Gottesdienst, den wir feiern, jedes Gebet, das wir mit- und füreinander sprechen, können wir im Bewusstsein tun, dass wir nicht alleingelassen sind. Bis ans Ende der Welt – so eine weitere Zusage – ist er bei uns, auch wenn uns das viel-leicht nicht immer bewusst ist. Damit ist jeder Gottesdienst eine doppelte Gemeinschaft. Wir versammeln uns um die Botschaft Jesu und erfahren zwischenmenschliches Miteinander. Zugleich macht jede Feier deutlich, dass Himmel und Erde in der Botschaft Jesu verbunden sind. In der Zusage, mitten unter uns zu sein, drückt sich aus, dass Jesus in allen Höhen und Tiefen des Lebens bei uns sein will.

Prälat Peter Neher.
Prälat Peter Neher.  Foto: kna

Viel zu oft reduzieren wir dieses Miteinander von Himmel und Erde auf den sonntäglichen Gottesdienst. Dabei gibt es viel mehr Orte, wo Menschen sich versammeln und dem Beispiel Jesu folgen. Tag für Tag wenden Menschen sich einander zu und stehen sich gegenseitig bei. Die Evangelien berichten, dass Jesus nicht nur das Reich Gottes verkündete. Immer wieder wird erzählt, wie er diese Botschaft lebte: Er ging auf die Menschen zu, berührte sie und heilte. Wie wenig er dieses Tun an Voraussetzungen gebunden hat, macht die Geschichte vom Barmherzigen Samariter deutlich (vgl. Lk 10,25–37). 

In dieser Erzählung lässt sich ein Mensch von der Not eines anderen ansprechen und hilft, ungeachtet der Volkszugehörigkeit oder des religiösen Bekenntnisses: Herkunft und Glaube, so die Quintessenz, dürfen keine Gründe sein, um notwendige Hilfe zu verweigern. Ein Gedanke, der bis heute genauso provokant wie aktuell ist. Entscheidend ist, wie wir Menschen miteinander umgehen; ob und wie wir uns von der Not des anderen ansprechen lassen. Die Zusage Jesu macht deutlich, dass wir ihm auch in diesen Momenten begegnen können, dass er unter uns ist.

Dies unterstreicht auch eine kleine Geschichte von Vinzenz von Paul, dem Gründer der Kongregation der Barmherzigen Schwestern. Immer wieder kamen Bettler und Kranke, die während der Frühmesse an die Pforte der Schwestern klopften und Hilfe suchten. Die Frage quälte die Schwestern sehr: Darf man die heilige Messe verlassen, um im Notfall zu helfen? Die Antwort des Heiligen lautete: „Ihr dürft, denn wisset Schwestern, ihr geht ja von Jesus weg zu Jesus hin!“ Diese kurze Geschichte macht für mich deutlich, wie sehr Weltverantwortung und christliche Spiritualität zusammengehören. Nicht zuletzt Papst Benedikt machte dies in seiner „Enzyklika Deus caritas est“ deutlich: „Die Kirche kann den Liebesdienst so wenig ausfallen lassen wie Sakrament und Wort.“ (Deus caritas est, 22) 

Mit anderen Worten: ohne sicht- und greifbare Sorge um den Menschen und seine Lebenswelt gibt es keine Kirche. Was wir im Gottesdienst feiern, kann uns immer wieder motivieren und daran erinnern, dass wir uns in unserem Tun getragen wissen können. Wenn wir uns für mehr Gerechtigkeit einsetzen, anderen helfen, sie pflegen oder für einander da sind, übernehmen wir Verantwortung für unsere Welt. Dies verändert nicht nur unser Zusammenleben, sondern auch uns und unsere Sichtweisen. Es verändert aber auch die Art wie wir Gottesdienst feiern. Denn alles, was uns bewegt und prägt, hat Platz in dieser Gemeinschaft von Himmel und Erde, Gott und uns Menschen.

Von Prälat Peter Neher, Präsident des Deutschen Caritasverbandes