04.05.2022

Von Kruse und Rott

Alles hat seine Zeit und jeder Ort hat seine besondere Geschichte. So ist es auch mit einem kirchlichen Grundstück in Kiel, das am Krusenrotter Weg liegt und zu dem es zwei Legenden zu erzählen gibt.

Reliefs von zwei Feldherren auf der Rückseite des Erzbischöflichen Amtes in Kiel

Von wegen Kruse und Rott: Zwei Feldherrn standen wohl für die beiden Herren aus Sandstein Pate. Foto: Klaus Byner

Die erste Legende lautet: „In Kiel sollen einmal zwei böse Räuber gewesen sein, die hießen Kruse und Rott. Ihrer Untaten wegen wurden sie auf der Waldwiese am Viehburger Gehölz geköpft. Ihre Köpfe sind versteinert und als abschreckendes Beispiel aufgestellt.“ Heute sind nun die „versteinerten Köpfe“, wie auf dem Foto zu sehen, etwas versteckt an der Rückseite des „erzbischöflichen Gebäudes“ am Krusenrotter Weg in Kiel angebracht. 

Die zweite Legende: „In der Nähe Kiels gibt es einen beliebten Lust­ort mit Namen Krusenrott. Dort stand einst eine Raubritterburg, in welcher zwei berüchtigte Straßenräuber hausten, der eine hieß Kruse und der andere Rott. Endlich gelang es, ihre Burg zu erstürmen und das Schwert der Vergeltung an ihre Hälse zu bringen. Mauer und Gräben wurden zerstört und der Ort dem Landstraßenverkehr übergeben, indem ein Wirtshaus errichtet wurde.“ 

Tatsächlich befindet sich heute auf dem Gelände am Krusenrotter Weg ein ziemlich überwachsener Hügel, der das Gelände um etwa drei Meter überragt. Dort soll sich eine untergegangene mittelalterliche Turmhügelburg (Motte) befunden haben. 

Gaststätte Krusenrott war stadtbekannt

Seit dem 19. Jahrhundert wurde dann ein Meierhof Krusenrott erwähnt, auf dem es später das sehr bekannte Etablissement „Krusenrott“ mit Tanzboden gab, in dem die noch heute existierende schlagende akademische Burschenschaft „Krusenrotter“ schon seit 1875 einkehrte. Von Beginn an wanderte man vor die Tore Kiels und kehrte in diese Gastwirtschaft ein. 1918 sollen hier Matrosen und Arbeiter die Revolution in Kiel mit vorbereitet haben. 

1930 wurde alles neu. Die Franziskanerprovinz Werl gründete in Kiel eine männliche Ordensniederlassung und erwarb eben die ehemalige Gaststätte „Krusenrott“. Aus dem Restaurationssaal wurde eine Notkirche. Der Tanzsaal wurde zur Kirche umgebaut. Schon 1944 wurde fast alles durch Bombentreffer zerstört und von 1950 bis 1953 samt Liebfrauenkirche wieder aufgebaut. Doch 1994 endete die Geschichte des Ordens in Kiel schon wieder. Die Franziskaner mussten ihre Niederlassung aufgeben und das neue Erzbistum Hamburg bekam 1995 dort seine Kieler Adresse, den „Krusenrotter Weg 37“. Zum Glück für die Gemeinde Liebfrauen wurde nebenan ein neues Pfarrhaus gebaut, das seit 2003 von Müns­teraner Franziskanerinnen mit dem Gästekloster Haus Damiano bewohnt wird. Heute nun wird man an diesem Kieler Ort „Krusenrotter Weg“ von der Gemeinde Liebfrauen, von Café, Poststelle, Kloster, Kirche, Caritas und Erzbischöflichem Amt mit offenen Armen empfangen: Pace e bene, Frieden und Wohlergehen wünsche ich Dir!

Was hat es nun auf sich mit den beiden Köpfen Kruse und Rott? Es handelt sich um zwei Relief-Medaillons aus Sandstein, die natürlich nicht Kruse und Rott zeigen. Tatsächlich sollen die Medaillons früher am Giebel des ersten Kieler Schlosses angebracht gewesen sein, dessen Fassade 1668 eingestürzt war. Sie künden vom Zweiten Punischen Krieg der Römer gegen Karthago.
Die Medaillons zeigen wohl die Feldherren Hanni­bal („Annibal Carthaginensis“) und Scipio. Unbekannt ist, wie sie ihren Weg an das Erzbischöfliche Gebäude gefunden haben. Wie der Krieg um Karthago ausging, das kann man heute wieder in der Ukraine sehen. Die beiden Reliefs zeigen uns in Wahrheit vielleicht eines: Alles hat seine Zeit. Krieg und Frieden. Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch, sagte Kohelet.    

Text u. Foto: Klaus Byner