07.12.2022

Wenn es richtig kalt wird

Schon im Herbst war klar: Der Winter 2022/23 wird hart und kalt werden. Deshalb hat sich im Erzbistum Hamburg ein Netzwerk „warme Orte“ gebildet. Dort findet man nicht nur eine „warme Stube“, sondern auch warme Herzen.

Alexandra Deffner (links) und Thomas Willing (rechts) laden die ersten Gäste im Warmen Ort St. Marien Ottensen ein. | Foto: Andreas Hüser

Die Außentemperatur in Altona beträgt zwei Grad. Man trägt Handschuhe, Schal und Mütze. Die Geschäfte sind zu. Aber in den Weihnachtsmarktständen auf der Ottenser Hauptstraße brutzeln Schaschlik-Spieße und viele Menschen sind unterwegs. Ganz in der Nähe: die St. Marienkirche. Nur wenige katholische Kirchen im Bistum liegen so nah an einer Einkaufs- und Flaniermeile wie St. Marien Altona.

Vor dem Kirchenportal ist ein Ständer aufgestellt, der in die Kirche einlädt. Dahinter ein weiteres Schild: Ein Pfeil dirigiert die Besucher zu einem „warmen Ort“. Heute, am 4. Dezember, hat dieser warme Ort zum ersten Mal geöffnet. Bis zum März kann an jedem Sonntag von 14 bis 16 Uhr jeder kommen. Einen weiteren warmen Ort in der Pfarrei im Hamburger Westen hat die Kirche Maria Grün in Blankenese geschaffen: jeweils mittwochs und donnerstags von 14.30 Uhr bis 16.30 Uhr.

Alexandra Deffner und Thomas Willing sind die ersten, die in Altona Gäste willkommen heißen. Es gibt Kaffee, Tee und Kekse. Im Raum herrscht Wohnzimmertemperatur. „Als das Thema in die Gemeindekonferenz kam, fanden wir sofort: Das ist eine tolle Aktion“, erzählt Thomas Willing. „Und noch während wir überlegt haben, wie wir es machen, ging eine Liste herum und die ersten Freiwilligen haben sich eingetragen.“ Inzwischen ist die Liste voll, es gibt Zweierteams für alle 16 Sonntage bis zum März.

Die Frage war nur: Wer kommt? „Die Aktion ist ja vor allem für Bedürftige gedacht. Aber auch Ältere und Menschen, die in der Vorweihnachtszeit einsam sind, sind willkommen.“

Auch Gemeindegruppen könnten warme Orte sein

Das gleiche gilt für alle anderen „warmen Orte“ im Erzbistum. Diese Anlaufpunkte sind ganz verschieden. Außer Gemeinden sind Bahnhofsmissionen, Carisatt- Läden, Begegnungsstätten dabei. Die Hamburger Familienbildungsstätte hat ein Elterncafé am Vormittag und eine offene „Spiel-Zeit“ am Nachmittag eingerichtet.

„Ein warmer Ort muss nicht neu geschaffen werden“, sagt Sabine Gautier. „Es ist auch möglich, etwas Bestehendes für andere Menschen zu öffnen, zum Beispiel einen Seniorenkreis.“ Selbst Privathaushalte könnten mitmachen und frierende Menschen in ihre Wohnung einladen. Zusammen mit Jens Ehebrecht-Zumsande koordiniert Sabine Gautier die bistumsweite Aktion. Entstanden ist die Idee in der Arbeitsgruppe Beziehungspastoral. Nach einer Ideenschmiede Ende September wurde die Grenze der Aktion, die ursprünglich bei der Familienpastoral angesiedelt war, weiter gesteckt. Seither wächst das Netz warmer Orte im Bistum. Schwerpunkte sind die Ballungsräume. „Das liegt daran, dass in ländlichen Regionen oft die Nachbarschaftshilfe noch funktioniert“, sagt Jens Ehebrecht-Zumsande. „Die Leute haben jemanden, zu dem sie gehen können.“

Aber Ehebrecht-Zumsande glaubt auch, dass die Aktion „Luft nach oben“ hat. „Es könnte noch mehr aus den Pfarreien kommen. Überall gibt es versteckte Armut. Ein niederschwelliges Angebot wie die warmen Orte kann da Menschen gut tun.“ Noch können sich weitere warme Orte öffnen. Denn zumindest astronomisch gesehen hat der Winter noch gar nicht begonnen.

Und wie war die Resonanz bei der Premiere in Ottensen? Insgesamt saßen fünf Gäste zusammen und hatten zwei schöne Stunden. Zwar war unter den Anwesenden niemand, der wirklich in seiner Wohnung frieren musste. Aber das Angebot ist ja noch neu. Die Einladungskarten kursieren im Stadtteil. Alexandra Deffner und Thomas Willing werden das Projekt weiter bewerben. Man könnte etwa gezielt Menschen einladen, von denen man weiß, dass sie zwei Stunden Wärme für Leib und Seele gut gebrauchen können.

Informationen zum Netzwerk „warme Orte“ gibt es auf der Internetseite des Erzbistums Hamburg www.erzbistumhamburg. de

VON ANDREAS HÜSER