07.08.2019

Wenn harte Typen Halt suchen

Diakon Lutz Neugebauer war zum zweiten Mal als Seelsorger beim Wacken Open Air. Er erklärt, warum dröhnende Bässe Menschen überfordern können. Und er erzählt von Senioren, die mit Rollator auf dem Festival unterwegs sind.

Pastorin Christine Halisch u. Diakon Lutz Neugebauer als Seelsorger beim Wacken Open Air 2018
Pastorin Christine Halisch und Diakon Lutz Neugebauer beim Wacken Open Air 2018.  Foto: Nordkirche

Diakon Lutz Neugebauer war zum zweiten Mal dabei, beim großen Wacken Open Air, dem wohl weltweit größten Festival
der Heavy Metal Szene, das Anfang August zum 30. Mal im Kreis Steinburg stattfand. Über 218 Bands traten dort auf acht Bühnen auf. Doch Neugebauer war nicht als Fan in Wacken, was angesichts seines Äußeren vielleicht nicht als ganz abwegig erschiene, sondern als Seelsorger. 

Der Diakon aus der Hamburger Pfarrei St. Maria-St. Joseph, der darüber hinaus als Bistums-Beauftragter für die Notfallseelsorge in Hamburg und Schleswig-Holstein zuständig ist, gehörte als einziger Katholik zum Team der 20 Festivalseelsorger, die ihren Standort auf dem Festivalgelände immer direkt neben der Polizei und dem Sanitätszelt haben. Diese Pastorinnen und Pastoren, Diplom-Sozialpädagogen, Psychologen, Psychotherapeuten und Ehrenamtlichen kümmerten sich zum inzwischen zehnten Mal um die seelischen Bedürfnisse der Festivalbesucher. Das Team wird von der evangelischen Landesjugendpastorin der Nordkirche, Annika Woydack, geleitet, die am Sonntag eine positive Bilanz zog.

Gearbeitet wird im Schichtdienst. Stets sind vier Seelsorger am Sanitätsplatz ansprechbar, zwei streifen über das Gelände und zwei befinden sich im Bereich der Hauptbühnen. Vier Stunden dauert eine Schicht; auch Doppelschichten sind dabei. Zumindest Lutz Neugebauer will im Anschluss an eine solche Schicht  erst einmal seine Ruhe haben. Hardrock hört er privat gerne mal, aber Heavy Metal ist eben noch eine ganze Spur lauter, härter und schneller. 

Wie der Diakon erzählt, sind es in der Regel weit über 200 Gespräche, die im Verlaufe des Festivals mit Besuchern geführt werden. Angesichts von rund 100 000 Menschen auf dem Fes­tivalgelände – davon sind etwa drei Viertel Besucher und ein Viertel Beschäftigte – sei das auch kein Wunder. Neugebauer: „Das macht dann aus dem Dorf Wacken mit 2 000 Einwohnern auf einen Schlag die drittgrößte Stadt in Schleswig-Holstein. Die hängen alle aufeinander rum – in Zelten, in Wohmobilen und im Dorf.“

Für die Privatsphäre ist beim Festival kaum Platz 

Und doch geht es überwiegend friedlich zu. Viel friedlicher, als auf vielen anderen Festivals, wie Neugebauer von Sicherheitsleuten weiß, die sonst viel herumkommen. Aber es gibt auch Konfliktstoff beim Wacken Open Air. „Gerade weil es so eine Festivalatmos­phäre ist, bleibt da relativ wenig Platz für die Privat- und Intimsphäre. Es ist superlaut, egal wo man hinkommt. Auch auf den Zeltplätzen – überall wird laut Musik gehört“, berichtet er. Da sei es gut, wenn man eine kleine Oase der Ruhe schaffen könne, wo Menschen da sind, die einfach zuhören: ungezwungen und unkompliziert und die vielleicht auch einmal einen echten „Schwermetaller“ in den Arm nehmen, wenn es nötig ist.

Die Palette der Probleme ist lang und individuell. Es fängt damit an, dass Freunde oder Angehörige ein bisschen aufgefangen werden wollen, wenn sich jemand den Fuß verknackst oder vielleicht aufgrund von Hitze und zu viel Alkohol kollabiert und nebenan im Sanitätszelt behandelt wird. „Wir kommen mit den Leuten ins Gespräch, weil die dann warten müssen“, berichtet der Diakon. Und natürlich sind da die Fälle, bei denen jemand mit den Menschenmassen nicht zurechtkommt und sich einfach von der Situation überfordert fühlt, wenn auch mal gedrängelt oder geschubst wird.

Relativ häufig geht es aber auch um Beziehungsstress. Konflikte mit Partnern oder Eltern, die vorher gar nicht so dramatisch erschienen, können beim  Fes­tival plötzlich eskalieren. Gerade Partnerschaftsprobleme treten relativ häufig auf, vom einfachen Streit bis zur Trennung.

Und es gibt auch Musikfans, die mit einer traumatischen Vorbelastung zum Festival kommen, die dann dort urplötzlich wieder zu Tage tritt. Soldaten etwa, die auf Auslandseinsätzen waren und womöglich Kriegserfahrung haben, fühlen sich mitunter völlig überfordert, wenn eine Band wie die schwedische Formation Sabaton auftritt, deren Bühnenshow und Texte sich stets um das Thema Krieg drehen. Viel Feuerwerk, dröhnende Bässe, das lässt manchmal einfach ungute Erinnerungen hochkommen.

Ähnlich ist es bei anderen Menschen, die aufgrund schlimmer Alltagserfahrungen traumatisiert sind. „Menschen, die sonst im Alltag völlig stabil sind, fühlen sich dann plötzlich überfordert und kommen zu uns“, berichtet Neugebauer. 

„Zum Teil ist es ein sehr spezielles Publikum“

„Anders als zum Beispiel beim Schleswig-Holstein Musik Festival oder bei Schlagerkonzerten kommen beim Wacken Open Air Menschen aus allen Bereichen des Lebens zusammen, um gemeinsam Musik zu erleben und zu feiern. Und das beinhaltet eben auch Menschen mit Vorbelas­tungen, Einsame und Überforderte. Zum Teil ist es ein sehr spezielles Publikum. Das muss man ganz klar so sehen. Insofern ist es aber auch gut und wichtig, dass wir da sind und das auffangen“, so der Diakon. Und weiter: „Wir sind nicht dort, um zu missionieren. Sondern wir sind dort, um den Menschen Halt zu geben, die zu uns kommen.“

Darunter sind übrigens längst nicht nur junge Leute. Im sogenannten Metal-Train, der Festivalbesucher aus dem Süden gen Norden bringt, soll diesmal eine Seniorengruppe von über 80-Jährigen dabei gewesen sein. Auch Menschen mit Rollatoren sind auf dem Festivalgelände keine Seltenheit. Neugebauer: „Die haben vor 30 Jahren angefangen. Und wer damals schon zu den Älteren gehörte, der ist jetzt halt Senior.“ Das gilt übrigens auch für einige der Stars. Die deswegen aber noch lange nicht zum Altmetall gehören.