03.04.2020

Das jüdische Pessach-Fest in der Corona-Krise

"Keine Hamsterkäufe!"

Nicht nur die Kar- und Ostertage sind von der Corona-Pandemie betroffen. Auch das jüdische Pessach-Fest kann nicht wie gewohnt gefeiert werden.

Foto: kna/Harald Oppitz
So beginnt das Pessach-Fest: Die Familien treffen sich zum gemeinsamen Sederabend, häufig auch in den Gemeinden. Foto: kna/Harald Oppitz


Pessach ist Reisezeit - normalerweise. Schließlich ist es eines der höchsten jüdischen Feste, zu dem auch weit verstreute Familien zusammenkommen. Das gemeinsame Gebet und der Synagogenbesuch sind während des achttägigen Festes, das in diesem Jahr am Vorabend des 9. April beginnt und bis zum 16. April andauert, wichtig. Doch in Zeiten des Coronavirus ist das schwierig beziehungsweise unmöglich.

"In der Regel fahre ich mit meiner Familie nach Israel", sagt die Vorsitzende der Synagogengemeinde Bonn, Margaret Traub. Ihre Kinder leben in unterschiedlichen Ländern, und Pessach können sie wegen der Reisebeschränkungen angesichts des Coronavirus nicht zusammen feiern. Und mit Blick auf ihre Gemeinde bedauert sie, dass der gemeinsame Sederabend, also ein gemeinschaftlich eingenommenes Essen, vor Pessach nicht möglich sein wird: "Ich finde das sehr schade. Jeder muss den Seder für sich zu Hause machen."

Darauf hat vor einiger Zeit auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hingewiesen: Schweren Herzens werde man nicht nur die Gottesdienste vorerst einstellen. Auch würden die Sederabende in den Gemeinden nicht stattfinden können.

Denn: Zur Verantwortung gehöre es, dass alle einen Beitrag dazu leisteten, dass die Verbreitung des Coronavirus sich verlangsame. "Es ist wichtig, dass wir in unseren Gemeinden die Vorgaben und Empfehlungen des Robert Koch-Instituts und der Behörden umsetzen", so Schuster, der selbst Arzt ist.

Zu der Bonner Gemeinde am Rhein gehören nach Traubs Worten zu 90 Prozent Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, und viele davon sind Senioren - die damit meist zu Risikogruppen zählen und besonders aufpassen müssen. Trotz aller Einschränkungen, die die Corona-Krise mit sich bringt, werde insgesamt die Seelsorge aufrecht erhalten: "Die Sozialarbeiterin ist im Homeoffice und hält telefonischen Kontakt mit den Leuten."


Nudeln, Kuchen, Pizza und Bier sollten nicht im Haus sein

Noch etwas anderes treibt Traub um: Matzot. Das ist eine Art dünnes Knäckebrot, das religiöse Juden während des Pessach-Festes in Erinnerung an die Flucht aus Ägypten statt Brot essen, weil zum Fest nur Ungesäuertes erlaubt ist. Die Gemeindevorsitzende fragt sich nun, ob Matzot - und damit eine essenzielle Zutat für Pessach - aus dem Ausland tatsächlich geliefert werden kann.

Apropos Speisen: In Deutschland und anderswo stoßen sogenannte Hamsterkäufe auf scharfe Kritik. Denn sie führen dazu, dass Regale leer und die heimische Speisekammer voll wird - möglicherweise auf Kosten anderer Kunden. Gerne horten besorgte Menschen Nudeln. Diese sollen an Pessach aber gerade nicht im Haus sein: Denn sie gehören zum Gesäuerten (Chamez).

Der Hintergrund ist der: Pessach erinnert an die Befreiung aus der Sklaverei und das Wunder des Auszugs des Volkes Israel aus Ägypten. Im Gedenken an den Zug durch die Wüste und die Eile bei der Vorbereitung werden an dem Fest nur ungesäuerte Brote - eben Matzot - gegessen. Der Genuss und Besitz von allem auf Getreide basierendem Gesäuerten ist nicht gestattet.

Daher beginnen Juden schon lange vor dem Fest, sogenanntes Chamez, Gesäuertes, aus ihrem Heim zu verbannen und dieses "koscher für Pessach" zu machen. Dazu gehört gründliches Reinigen und Aufräumen, denn als Chamez gelten außer Brot und Nudeln auch andere Speisen und Getränke, die man häufiger im Haus hat: Cerealien, Kuchen, Kekse, Pizza und Bier.

"Wir weisen die Familien darauf hin, dass sie vernünftig sein müssen", sagt der sächsische Landesrabbiner Zsolt Balla: "Keine Hamsterkäufe!" Diese seien unvernünftig und schädigten die Gesellschaft. Und es sei darüber hinaus auch nicht ratsam, eben bestimmte Produkte zu Pessach im Haus zu haben. Auch, wenn es im Judentum die Möglichkeit gibt, überzähliges Gesäuertes vor dem Fest an Nichtjuden zu verkaufen und danach wieder zurück zu erwerben - eine Option vor allem für größere Bestände etwa in Gemeinden oder Restaurants.

Rabbiner Balla greift nun auch häufiger zum Telefonhörer, um die Seelsorge aufrechtzuerhalten. Und er setzt in Zeiten der Besorgnis und der Unsicherheit darauf, dass sich die Menschen gegenseitig unterstützen und einander zugewandt sind.

kna