28.10.2019

Anfrage

Wie lange dauert es bis zur Heiligsprechung?

Warum ist Robert Bellarmin erst 1930 heiliggesprochen worden? Was sind die Kriterien für eine Heiligsprechung? C. G., Tönisvorst

Dass der Jesuiten-Theo­loge Robert Bellarmin (1542-1621) erst 300 Jahre nach seinem Tod selig- und dann kurz darauf heiliggesprochen wurde, hat vielfältige Gründe. Bereits zu Lebzeiten stand er wohl im „Ruf der Heiligkeit“. Er hat sich in der Zeit der sogenannten Gegenreformation hervorgetan. Als kritischer Berater des Papstes und Theologe, der das vorherrschende katholische Verständnis des Glaubens gegen andere theologische Strömungen mit Forschungen und entsprechenden Schriften verteidigte. 

Das Seligsprechungsverfahren wurde bereits sechs Jahre nach seinem Tod eingeleitet. Durch Änderungen des Verfahrensweges, die zwischenzeitlichen Wechsel im Papstamt, verschiedene politische und innerkirchliche Querelen – nicht zuletzt im Zuge des Ersten Vatikanischen Konzils – und unterschiedlich starkes Interesse des Jesuitenordens an einer Heiligsprechung seines Ordensbruders Bellarmin hat das Verfahren aber lange gedauert.

Erst in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sah die dann zuständige Kommission des Vatikans die Zeit gekommen, die Verdienste des Theologen auch durch eine sogenannte Kanonisation zu würdigen und dem Papst eine Selig­sprechung, beziehungsweise Heilig­sprechung zu empfehlen. Die bis heute neben dem heroischen Tugendgrad bei jemandem, der nicht als Märytrer starb, vorgeschriebenen Wunder – meist medizinisch unerklärliche Heilungen, die auf Fürsprache des künftigen Seligen bzw. Heiligen bewirkt worden sind – wurden dann auch in diesen Jahren anerkannt. 

Dass Selig- und Heiligsprechungsprozesse in der zuständigen vatikanischen Kongregation unterschiedlich lange dauern und auch durch einflussreiche Interessensgruppen bestärkt oder gebremst werden, ist bis heute so. Deshalb heißt es 1930 auch vielsagend in einer Würdigung des damals neuen Heiligen Bellarmin: „Eine Richterin behält im Sturm der Leidenschaften den ruhigen sicheren Blick: die heilige Kirche. Und sie übereilt nicht. Sie weiß, dass der Selige im Himmel der Kanonisation nicht bedarf zu seinem Glück, sondern dass wir auf Erden ihrer bedürfen, um einen neuen Stern zu haben, der uns am Firmament unseres Glaubens leuchtet.“

Michael Kinnen