14.10.2020

Wo Corona am härtesten trifft

In Indien bedroht die Pandemie Leib und Leben der Menschen, die ohnehin kaum noch ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Der Oststeinbeker Verein „Paten indischer Kinder“ sieht mit Sorge auf die Entwicklung.

Hedwig und Walter Reiser beim Besuch eines Internats in Jhabua im Frühjahr dieses Jahres
Hedwig und Walter Reiser beim Besuch eines Internats in Jhabua im Frühjahr dieses Jahres, kurz vor dem Corona-Lockdown. Foto: Verein Paten Indischer Kinder

Geschlossene Schulen und Kinder, die via Internet Kontakt mit ihren Lehrern halten, um zumindest einen Teil des Lehrstoffs zu schaffen, das kennen wir aus dem Frühjahr. Es stellte Schüler wie auch Lehrer vor große Herausforderungen. Und nicht überall lief das gut. Doch zum Glück dürfen Schüler hierzulande inzwischen wieder in die Klassenzimmer.

In Indien bleiben die Schulen auf Anordnung der dortigen Regierung derzeit noch geschlos­sen, sowohl staatliche wie auch konfessionelle. An Computer ist für die Schüler gar nicht zu denken, aber einige haben ein Mobiltelefon. Zumindest in den Städten lässt sich damit Unterricht organisieren. Zur Zoom-Konferenz mit ihren Lehrern versammeln sich meist gleich mehrere Jugendliche um ein Smartphone, wie Father Lucas per WhatsApp-Telefonat erläutert. Auf dem Land, so erzählt er, funktioniert dieser „Ersatzunterricht“ allerdings nicht.

Der Verein steht im Austausch mit zwei indischen Bischöfen

Father Lucas lebt in Indore, einer Millionenstadt im Nordwesten Indiens. Er ist einer der örtlichen Ansprechpartner des Vereins „Paten indischer Kinder“, den das Ehepaar Hedwig und Walter Reiser aus Oststeinbek im Jahr 2004 ins Leben gerufen hat. Der kleine Verein mit 20 Mitgliedern fördert katholische Schulen sowie Erste-Hilfe-Stationen und soziale Projekte in den Diözesen von Jhabua und Indore. Mit deren Bischöfen Basil Bhuriya (Jhabua) und Chacko Thottumarical (Indore) ist das Ehepaar Reiser häufig in Kontakt.

Insgesamt 28 größere und kleinere Projekte hat der Verein inzwischen mit finanziert, darunter die Erweiterung bestehender Schulen für Jungen und Mädchen, aber auch kleine Vorhaben, etwa den Kauf von Lernmitteln. „Es sind oft kleine Dinge wie die Beschaffung von Schulbüchern, die zwar nicht so sehr viel kosten, aber eigentlich unbezahlbar sind“, so Hedwig Reiser.

Der Verein „Paten indischer Kinder“ kann auf die Unterstützung von 319 Paten bauen, die bereit sind, regelmäßig Geld zur Finanzierung der Schulausbildung der Kinder und Jugendlichen zu spenden. 435 junge Leute profitieren derzeit vom Engagement der Paten, zu denen auch ein Dutzend Schulklassen gehört, darunter eine von einer Schule in Oldenburg in Oldenburg. Die anderen Schulklassen sind von der St. Paulus Schule in Hamburg-Billstedt. Die Verbindung zu dieser Schule liegt auf der Hand, denn unter den Aktivposten des Vereins sind zwei aktive und drei pensionierte Lehrkräfte der St. Paulus Schule, wie Hedwig Reiser – selbst ehemalige St. Paulus-Lehrerin – erläutert.

Etwa 28 Euro kostet es, einen Schulplatz in einem katholischen Internat zu finanzieren, wobei „Internat“ in Indien nichts mit  Einzelzimmern für Kinder reicher Eltern zu tun hat, sondern mit großen Schlafsälen und einem Schulgeld, das sich die Familien vom Mund absparen müssen. Wobei die Ärmsten auf die Unterstützung der Kirche setzen dürfen. Die katholischen Schulen in Indien genießen einen sehr guten Ruf und spielen eine große Rolle im Bildungsangebot des Landes, obwohl lediglich zwei Prozent der Inder Christen sind.

Doch dann kam Corona eben auch nach Indien, und seitdem ist nichts mehr, wie es zuvor mal war. Die US-amerikanische Johns Hopkins Universität geht von über 7,1 Millionen bestätigen Corona-Infektionen und über 109 000 Todesfällen in Indien aus. Wenn ein Familienmitglied erkrankt, dann sind schnell alle anderen Familienmitglieder auch infiziert, weil die Menschen auf engstem Raum zusammenleben. „Es trifft die Ärmsten besonders hart, besonders auf den Dörfern“, berichtet Hedwig Reiser. „Für viele Familien ist das Einkommen weggebrochen“, sagt sie. Ein Kurzarbeitergeld, wie wir es kennen, das gibt es in Indien nicht. Aber immerhin zahlt die Kirche den Lehrern und anderen Beschäftigten etwa 40 Prozent ihres Lohns weiter, obwohl im Augenblick keine Einkünfte aus dem Schulgeld erzielt werden – und es auch keine Kirchensteuer, sondern nur freiwillige Spenden für die Kirche gibt.

Das Ehepaar Reiser kam mit dem letzten Flug vor dem Lockdown zurück

Statt mit 10 000 Rupien (87 Rupien entsprechen ungefähr einem Euro) müssen die Beschäftigten – Lehrer, Fahrer, Betreuer – jetzt mit 4 000 Rupien im Monat durchkommen. Und das, obwohl das Gehalt schon in normalen Zeiten kaum ausreicht und Ersparnisse quasi ein Fremdwort für die meisten Inder sind. Erst recht gilt das für die Dorflehrer auf dem Land, die nicht nur eine weniger gute Ausbildung haben, sondern schon in normalen Zeiten deutlich weniger als ihre studierten Kollegen in den Städten verdienen.

Hedwig und Walter Reiser waren noch im März (auf eigene Kosten) in Indien, um den Fortgang einzelner Vorhaben zu beobachten und um über neue Projekte zu sprechen. „Ich kann nur dann um Spenden für ein Projekt bitten, wenn ich selbst davon überzeugt bin“, erklärt Hedwig Reiser. Mit dem letzten Linienflug vor dem großen Lockdown kamen sie außer Landes. Doch ihre Freunde und Bekannten mussten sie ebenso zurücklassen wie die Kinder, für die sie sich seit vielen Jahren engagieren. „Es hat uns begeistert, was für eine Arbeit vor Ort geleistet wird“, erinnert sich Hedwig Reiser an die Anfänge des Vereins. Sie ist sicher, dass ihre Arbeit und die Unterstützung der Paten in Corona-Zeiten mehr denn je gebraucht wird.
Infos und Kontakt: www.paten-indischer-kinder.de
Spendenkonto bei der Sparkasse Holstein, IBAN: DE87 2135 2240 0240 0277 07

Text: Marco Heinen