23.06.2021

Zum Abschied ein Bild

Mit Beginn der Sommerferien wurde die „Eule“ in Ottensen geschlossen – als erste von sechs Schulen, die das Erzbistum in Hamburg aufgibt. Sie war klein, hatte eine familiäre Atmosphäre und wurde auch deswegen sehr geschätzt.

Kinder klettern auf dem Schulhof der Schule Eulenstraße
 Die Kinder füllten den übersichtlichen Schulhof an der Eulenstraße stets schnell mit Leben. Foto: Marco Heinen

Tschüss, liebe Eule, ich werde dich sehr vermissen“, sagt der Viertklässler Tom Heilemann vor laufender Kamera und winkt. „Eule“ ist der Kose­name der Katholischen Schule St. Marien. Denn ihre Adresse lautet „Eulenstraße 68“ im Stadtteil Ottensen. Sie ist aus finanziellen Gründen jetzt mit Beginn der Sommerferien in der Hansestadt geschlossen worden – ein Schicksal, das noch weiteren fünf der bislang 21 Schulen des Erzbistums bevorsteht. Und so wurde die Szene auch für den Abschiedsfilm aufgenommen, der seit Mittwoch auf der Website der Schule (www.katholische-schule-eulenstrasse.de) zu sehen ist. Dadurch bleibe die „Eule“ über die Schließung hinaus lebendig, wie die letzte Schulleiterin Mechthild Kaspa­rek, die das Amt kommissarisch ausübte, es gegenüber der Neuen KirchenZeitung formulierte.

Die Schließung sei das Ergebnis einer sehr schweren Entscheidung des Erzbistums, bemerkt Christopher Haep, Leiter der Abteilung Schule und Hochschule dazu. „Wir wissen, dass dadurch große Belastungen für alle ausgelöst worden sind, dass diese Entscheidung auch mit großer Trauer, mit großem Schmerz verbunden ist.“ Er sei froh, dass bis zum letzten Schultag dort eine hervorragende Arbeit geleistet worden sei.

Am Schulzaun sind säuberlich Plakate angebracht, die eine Art Ausstellung zur Geschichte der „Eule“ formen, mit der sich eine Gruppe aus Eltern und ehemaligen Schülern und Lehrern beschäftigt hat. Sie teilen darin ihre schönen Erinnerungen an das Schulleben mit, beklagen aber auch die Schließung der Schule aus finanziellen Gründen.

Viel für die Integration von Ausländern geleistet

Die Schule hat das einstige Arbeiterviertel, das heute ein markantes Beispiel für die Gentrifizierung und all ihren negativen Auswirkungen ist, mit geprägt. 132 Jahre lang. Nach der Gründung 1889 unterrichteten dort die Thuiner Franziskanerinnen und Ottensen zählte noch nicht zu Hamburg. Das geschah erst 1937 durch das Groß-Hamburg-Gesetz. 1939 wurde sie dann wie alle katholischen Schulen in Hamburg von den braunen Machthabern geschlossen. Erst im Oktober 1945 lebte sie per Genehmigung der britischen Militärverwaltung wieder auf.

In den Nachkriegsjahren besuchten zeitweise mehr als 430 Schüler die „Eule“. Anfang der 1970er Jahre zogen dann viele der damals sogenannten Gastarbeiter nach Ottensen, darunter oft Katholiken aus Italien, Spanien und Portugal. „Die wurden toll integriert“, erinnert sich die ehemalige Schulleiterin Birgit Knipper, die einst selbst Schülerin in St. Marien war. Zusammen seien auch Weihnachtslieder aus diesen Ländern gesungen worden, die Eltern hätten Speisen aus ihren Herkunftsregionen für einen Basar zubereitet. Die Verbindung mit dem Stadtteil brachte auch jedes Jahr im November der St. Martins-Umzug zum Ausdruck, bei dem eine Figur des Heiligen von Schülern in Begleitung eines Spielmannszuges durch Ottensen getragen wurde.

Zuletzt war die „Eule“ die kleinste Schule des Erzbistums, eine einzügige Grundschule, die seit 2013 auch eine Nachmittagsbetreuung bot. Die geringe Größe habe sie „nicht als Makel empfunden, sondern als Qualität“, sagt dazu Mechthild Kasparek. Es habe somit stets eine enge Bindung gegeben unter Schülern wie Lehrern. „Das war wie eine ganz große Inklusion, ohne dass die Kinder Inklusionsbedarf hatten“, beschreibt dies die ehemalige Schulleiterin Susanna Baum in einem Statement für den Film. Man sei sich ganz nah gewesen, habe sich gekannt, sei aufmerksam gewesen. „Bei größeren Schulen kümmert man sich nur um die, die auch auf dem Papier Probleme haben. Das war hier nicht so.“ Sie habe „Vertrauen zur Schule aufgebaut“, formuliert es die Schülerin Pina Witzig.

Die Übersichtlichkeit brachte nicht nur eine bestimmte familiäre Atmosphäre mit sich, sie ermöglichte es auch, „schnelle Entscheidungen zu treffen und sie unkompliziert umzusetzen“, wie Kasparek berichtet. Das führte auch zu ungewöhnlichen Unternehmungen, etwa zu einer Rallye durch Ottensen oder zum Besuch eines Fußballspiels im Stadion des FC St. Pauli.

„Der persönliche Kontakt war toll“

„Jedes Kind wurde gesehen“, sagt in dem Film Elternvertreterin Petra Krumbe. Der persönliche Kontakt sei „toll“ gewesen. Und sie lobt auch die Erziehung zu christlicher Nächstenliebe, die sich im Engagement der Schule für Gemeinden in Brasilien und Indien ausgedrückt habe. So sei Verständnis dafür geweckt worden, „dass man nicht alleine auf der Welt ist“. 

Zum Abschluss des Schuljahres erhielten die Viertklässler unter anderem am Mittwoch einen USB-Stick, auf dem Fotos der vergangenen vier Jahre gespeichert sind. Und gerahmt ein selbstgemaltes Bild, in dem sie Motive der Künstlerin Katrin Stender weiter ausgesponnen hatten. 

Das Lehrpersonal wird künftig an größeren Schulen unterrichten. Gleichwohl sagt Kasparek: „Wir fühlen uns in der Hinsicht gut behandelt.“

Text: Matthias Schatz